Beobachtungen: Walhalla im Supermarkt

Vertrauen in den Generationenkonflikt

Gedanken

Der Supermarkt ist nicht besonders voll, was ein wenig verwundert, denn es steht ein Wochenende ins Haus und normalerweise kaufen die Leute ein, als stünde ein Krieg bevor. Vielleicht liegt es an der Uhrzeit - der größte Ansturm ist vorüber und man kann die Sache mit den Vorräten etwas entspannter angehen.

Zwischen den Kunden fällt ein ziemlich dünner Mann auf, er trägt ein dunkles Shirt mit irgendeinem Text darauf und eine Jeans - alles auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich. Aber er macht irgendwie den Eindruck, als wolle er angesehen werden - wieso sollte er sonst immer irgendwo im Weg stehen. Außerdem mustert er - seine Augen schätzen die anderen Leute ab, und irgendwann tut man ihm den Gefallen und sieht genauer hin. Kurzes Haar, Piercings, einige Tattoos auf den Armen. Und dann der Text auf dem Hemd: "Standhaft bis in den Tod" steht darauf ... und ein Gesicht ist auch noch zu sehen. Ratlosigkeit. Das Gesicht ist irgendwie bekannt und man versucht, sich zu erinnern. Dann, plötzlich, fällt einem der Name ein. Es handelt sich um Rudolf Heß, der wohl Hitlers Stellvertreter war und als Märtyrer der rechten Szene gilt.

Man hat es nun gelesen und das hat der Typ auch mitgekriegt - wahrscheinlich wartet er auf irgendeine Reaktion eines Kunden. Niemand interessiert sich dafür - wahrscheinlich gibt es nicht viele, die gerne die Sprüche auf anderer Leute Hemden lesen. Aber interessant wird es dann doch noch - denn zu dem wandelnden Flugblatt gehört auch eine Familie. Eine Frau, die - gleichzeitig - hektisch und mit angenehmer Stimme in ein Handy spricht und einen kleinen Jungen von etwa drei oder vier Jahren im Auge behält. Vielleicht ist die Frau unsympathisch, vielleicht auch nicht - sie würde nicht auffallen, wenn sie nicht ausgerechnet zu dem Mann mit der Botschaft aus Baumwolle gehören würde.

Und dann ruft sie das Kind: "Baldur, wo steckst du denn - komm her!" Was das T-Shirt nicht fertigbrachte, kriegt der kleine Satz dann mühelos hin. Man ist völlig Aufmerksamkeit - und vor allem weiß man nicht, ob man breit grinsen oder lieber heulen soll. Der Junge, übrigens ein fröhlicher Dreikäsehoch (was das Ganze irgendwie tragisch macht) kommt zur Mami und alles ist in Ordnung. Jedenfalls jetzt noch - denn man fragt sich, wie das aussehen wird, wenn die Zeit der Einschulung kommt.

Werden die anderen Kinder dann fragen, was das für ein komischer Name ist - und was wird dann die Antwort sein? Es hätte ja auch schlimmer kommen können, etwa wie Wotan oder Heimdall. Aber wie auch immer, der kleine Baldur beschäftigt mich noch auf dem Heimweg, denn dieser altnordische Gott war eigentlich ein netter Kerl und steht für Schönheit und Licht. Das kriegerische Element, das bei den nordischen Göttern stark vertreten ist, fehlt ihm wohl. Man geht heute davon aus, dass es sich bei Baldur, oder eigentlich Balder, um einen Gott des Wachstums handelt. Ob das die Eltern wussten, oder ob es einfach um das "Nordische" ging? Natürlich fällt einem auch Baldur von Schirach ein, der ja seines Zeichens Reichsjugendführer war, in der Zeit, als die alten Götter der Germanen wieder vom ideologischen Speicher geholt und entstaubt wurden.

Was wird also sein? Wird der Junge die Achseln zucken und dabei grinsen, wenn er nach dem Namen gefragt wird? Oder wird er das wiederholen, was man ihm daheim beigebracht hat ... irgendetwas von Helden, die einen ehrenvollen Tod gestorben sind, in einer Zeit, die längst vergangen ist? Wie wächst man auf, wenn die Helden der Kindheit nicht irgendwelche Superhelden sind oder mutierte Schildkröten, die Pizza lieben, sondern unheimliche Männer auf verblichenen Fotos, deren Märtyrer- und Kriegertum eine einzige Lüge ist? Und wie wächst man auf, wenn die Welt, die von den Eltern erschaffen wird, so völlig anders ist, als die vor der Haustür? Wo es doch Menschen mit verschiedenen Ansichten, Sprachen, Hautfarben, Nationalitäten gibt und wo die Welt dadurch riesengroß und interessant ist.

Man kann nur das Beste hoffen - nämlich, dass der alte Dreh mit den Generationen wieder funktioniert, der nämlich so aussieht: Alles, was die Eltern von sich geben, ist das genaue Gegenteil von dem, was wirklich Sache ist. Die haben nämlich keine Ahnung und sind sowieso von vorgestern. Das war eigentlich immer so. Wir können gerade in diesen Fällen hoffen, dass dies auch für diese Generation zutrifft ... für die kleinen Baldurs, Freyas oder Odins.

© "Beobachtungen: Walhalla im Supermarkt" - ein Beitrag von , 2012. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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