Malcolm: Das Projekt "Hund"

Erzählung - Teil V

Malcolm

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Teil IV:
Frau Kabitzke

Nachdem Mal diese Worte gehört hatte, beugte er den Kopf so weit wie möglich vor, um ja nichts von dem zu verpassen, was jetzt kommen würde. Aber da wurde die Tür zur Küche sanft zugedrückt und die Stimmen leiser. Sogar ziemlich leise, wie der Junge feststellte, so als ob die beiden da unten wüssten, dass da oben ein Mithörer auf der Treppenstufe saß.

Nach unten schleichen, um an der Türe zu horchen, war viel zu gefährlich. Malcolm wusste aus Erfahrung, dass mehr als eine Stufe der alten Holztreppe knarrte - und obwohl er die gefährlichen Holzstufen kannte, wollte er im Dunkeln nichts riskieren. Also schlich Mal wieder in sein Zimmer, wo er sich auf sein Bett legte und mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an die Decke starrte. Die Vorhänge waren nicht zugezogen, und so etwas Fortschrittliches wie Rollläden gab es in dem kleinen, alten Haus nicht. Irgendein Licht fiel durch das Fenster und malte einen hellen Streifen auf die Bettdecke. Der Mond war es nicht, der kam nicht durch die dichten Wolken.

Es war still in der Straße, viel stiller als daheim in Berlin, wo man immer irgendetwas hören konnte. Autos, oder Menschen, die sich laut unterhielten, Sirenen und Hunde, kreischende Kinder, die spielten, oder Musik, die aus den Autos kam und einem die Bässe um die Ohren fetzte. Wenn Mal sich das so richtig überlegte, hatte er hier in Kreutzbrücken - allein der Name dieses Kaffs war schon eine Zumutung - noch nie so etwas gehört. Nicht ein einziges Mal war es an der Straße so richtig wummernd laut geworden, weil jemand die Anlage im Auto so richtig quälte.

Sirenen gab es wohl gar keine - jedenfalls hatte er bewusst noch keine gehört. Ja, und Hunde ... - Hunde waren ihm noch gar nicht aufgefallen. In Berlin waren die Straßen im Viertel - keine sehr teure Wohngegend wohlgemerkt - eigentlich immer mit Häufchen in verschiedenen Größen und Ausführungen übersät. Man zickzackte einfach drum herum. Manche Leute benutzten Hundetütchen, und manche taten es eben nicht. Diejenigen, die das taten, waren Mal zwar lieber, aber es war einfach völlig normal, dass an manchen Tagen die Straße ein Tretminenfeld war, als dass man sich groß drüber aufregte.

Hier war der Gehsteig sauber - es wuchs auch kein Löwenzahn aus einer Mauerritze, so wie das in Berlin oft vorkam. Mal hatte das nicht bewusst wahrgenommen, aber jetzt, im Dunkeln, dachte er an solche Dinge. Dieses Kaff hier war völlig anders - und Mal fragte sich, ob das in allen solchen kleinen Orten ähnlich war.

Andererseits - gerade hier in dem Städtchen hätte er viel mehr Hunde erwartet. Mam hatte erzählt, dass der Stadtrand praktisch direkt in den Wald überging. Es gab einen Bahnhof, von dem Bummelzüge in die Kreisstadt fuhren - nach Mittlingshausen, das stolze fünfzigtausend Einwohner vorzuweisen hatte. Mal grinste im Dunkeln, denn wahrscheinlich kamen sich die Mittlingshausener wie Großstädter vor. Aber das mit den Hunden war schon sonderbar. In Berlin tummelten sich in jedem Park, in jeder noch so kleinen Grünanlage Leute mit irgendeiner Töle an der Leine. Mal meinte das Wort nicht böse - er mochte Hunde. Er hätte sogar sehr gerne einen gehabt - aber Mam fand das nicht gut. Dass es alleine in der Straße, in der sie gewohnt hatte, mindestens zwanzig oder noch mehr davon gegeben hatte, beeindruckte Diana Strattner nicht.

"Hunde gehören nicht in die Stadt. Das ist nichts für sie. Hunde wollen rennen und Gras unter den Pfoten haben, Junge." Mal's Einwand mit dem Gassigehen im Park brachte ihm nur einen besonderen Blick ein. Einen "Mamblick". Sie hielt nicht viel von den Anlagen in der Nähe der Wohnung, das wusste Mal. Außerdem fand sie ihren Sohn für viel zu klein, um sich da alleine rumzutreiben - Hund hin oder her. Schließlich kam ein großer Hund überhaupt nicht in Frage, und ein kleiner wäre wohl kaum ein Schutz. Mütterlogik eben. Wenn es auch stimmte, dass Malcolm eher an einen Husky als an einen Dackel oder so etwas gedacht hatte. Jedenfalls war dieses Thema abgehakt gewesen.

Aber ... vielleicht sah die ganze Angelegenheit jetzt ja vielversprechend aus, überlegte Mal. Erstens einmal war hier alles anders, weil es gar keine schmuddeligen kleinen Parks mit Leuten, von denen Mam nichts hielt, gab - und außerdem war Mal ja mittlerweile kein kleiner Junge mehr. Wäre ja möglich, dass Kreutzbrücken (Mal hielt es für seine Pflicht, bei dem gedachten Namen die Augen zu verdrehen) doch zu etwas gut war.

Nachdem sich Jens und die anderen Versager - wie Mal seine ehemaligen Freunde bei sich nannte - sich nie wieder gemeldet hatten, wäre so ein Freund mit Fell und vier Beinen doch eine tolle Sache. Mal spürte, wie sein alter Wunsch wieder Macht gewann. Er begann sich auszumalen, wie er mit einem richtig großen, freundlichen Kumpel den Wald erkundete. Sie könnten zusammen spielen und rennen, und niemand würde es mehr wagen, ihn herumzuschubsen. Nicht bei dem Begleiter. Mal lächelte in die Dunkelheit hinein. Eigentlich hatte er ja etwas gut bei Mam. Schließlich war sie nicht ganz unschuldig an seiner Gehirnerschütterung.

Es konnte ihr ja nur recht sein, wenn er nicht mehr alleine unterwegs war. Wo sie doch immer so ängstlich war. Eigentlich war Diana überhaupt keine ängstliche Natur - aber Malcolm hatte angefangen, sich das Projekt "Hund" so richtig behaglich zurechtzudenken. Im Geist suchte er schon das passende Geschirr aus: dunkelblau mit Nieten und so einem kleinen Etui dran, wo man die Adresse und den Namen unterbringen konnte.

Es war einfach nur schön, so im Zimmer zu liegen und sich den Traumhund auszumalen. Bei der Rasse war sich Malcolm nicht so sicher. Wenn er nur groß wäre, der Kumpel. Und lieb. Und gefährlich für Justusse und so. Bei dem vielen anstrengenden Ausmalen der nächsten Zukunft wurde Mal müde ... aber bevor er einschlief, nahm er sich vor, herauszufinden, was hier nicht stimmte. Wo doch Frau Kabitzke ... aber da glitt Malcolm schon in den Schlaf hinüber und bekam nicht mit, dass die Gute eben das Haus verließ. Und natürlich entging ihm völlig, dass eine sehr nachdenkliche Mam im kleinen Wohnzimmer saß und - wie ihr Sohn vorher - im Dunkeln an die Decke starrte.

Lesen Sie auch den sechsten Teil Kleinstadt ohne Hunde

© "Malcolm: Das Projekt Hund" - ein Textbeitrag von , 2014. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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