Die Opfer der Nazidiktatur bekommen eine Stimme
... die Täter bleiben stumm

Ein Beitrag des Autors Peter Hakenjos

Konzentrationslager

Verurteilen ist leicht, verstehen problematisch. Verstehen liegt dicht beim Verständnis und von da ist es nicht weit zum Ent-Schuldigen. Ist das der Grund, dass in fast allen Romanen, die sich ernsthaft mit der Nazi-Diktatur beschäftigen, nur Opfer des Dritten Reiches auftreten?

Unsere Väter und Großväter waren in den seltensten Fällen Opfer. Sie waren Soldaten, Beamte des Regimes und bestenfalls Mitläufer. Guido Knopp schreibt: "Wir (die nach dem Krieg Geborenen) sind verantwortlich für das Erinnern ebenso wie für das Vergessen und Verdrängen - und für das Leugnen."

Warum sollen gerade wir verantwortlich sein, die wir den Krieg weder miterlebt noch erlitten haben? Unsere Väter haben das Sterben gesehen und wollten all das Schreckliche vergessen. Die Erinnerungen an die zerrissenen Leiber auf den Schlachtfeldern und die Toten in den Städten, waren zu schwer zu ertragen. Für uns Nachgeborene ist dieses Leid noch zu spüren.

Wir haben in den Ruinen gespielt, haben die Gänsehaut beim Aufheulen der Sirenen in den sechziger Jahren gefühlt und wir haben die Soldaten gekannt, die feixend Galgen in Russland fotografiert haben, an denen anonyme Leichen im Wind baumelten. Doch diese Soldaten waren nicht die perversen und sadistischen Feiglinge, die uns britische, US-amerikanische und italienische Filme zeigen. Sie waren liebevolle Väter und Großväter. Wie konnte dann geschehen, was geschehen ist? Dieses Rätsel hat unsere Generation das Leben hindurch mehr oder minder bewusst verfolgt.

Zum Buch von Peter Hakenjos Nur der Tod vergisst mit Leseprobe

Hannah Arendt, diese große Deutsche, hat versucht zu verstehen und sich dabei viele Feinde gemacht. Sie spricht von der Banalität des Bösen. Das Geschehene wäre leicht zu erklären, wären die Wachmannschaften in den KZ Monster gewesen. Sie wären weit außerhalb von uns, hätten nichts mit uns zu tun. Wir sind die Guten, das waren die Verbrecher. Und zudem ist alles vorbei. Ist es das? Ziehen nicht wieder scharenweise junge Männer fanatisiert in einen Krieg, tragen sie nicht schwarze Uniformen und schwenken schwarze Fahnen? Sind sie nicht bereit, bedingungslosen Gehorsam zu schwören und für ihre "Sache" in den Tod zu gehen? Verurteilt ist schnell. Stellen wir uns ohne Vorbehalte und ohne zu verurteilen der Vergangenheit. Vielleicht verstehen wir dann besser, was auf dem Hintergrund eines religiösen Fanatismus gerade geschieht. Und um zu verstehen, brauchen wir in Romanen und in Filmen Protagonisten, die uns nicht nur das Leiden, sondern auch die Schuld näherbringen. Die uns erklären, wie der Opa, der seine Enkel nach dem Krieg auf dem Schoß wiegt, Soldat mit einer schwarzen Uniform in Russland hat sein können.

Liebe Mitautoren, lasst uns die Beweggründe erfahren, warum sie waren, wie sie waren und was mit ihnen geschehen ist. Es kann nicht um irgendeine Rehabilitation und nicht um das Verwässern im Aufrechnen von Dresden gegen Auschwitz, von Treblinka gegen Pforzheim gehen, wie es die Rechten so gerne tun. Wo jeder Schuld ist, ist es keiner, soll Hannah Arendt einmal gesagt haben.

Wir müssen uns nicht mit der Schuld der Väter identifizieren. Aber wir wissen nicht, wie wir uns an ihrer Stelle verhalten hätten. Wären wir wirklich in der Opposition gewesen oder hätten wir uns von der allgemeinen Begeisterung mitreißen lassen, bis es zu spät war? Gerade wir können uns noch in die Menschen hineinversetzen, die während der Naziherrschaft groß und vielleicht schuldig wurden. Diese Chance sollten wir nutzen.

Unsere Väter und Großväter konnten nicht reden. Tun wir es für sie.

© Text "Die Opfer der Nazidiktatur bekommen eine Stimme, die Täter bleiben stumm": Peter Hakenjos, Jahrgang 1948, ist der Autor des Romans Nur der Tod vergisst, erschienen 2014 im G. Braun-Buchverlag.

Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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