ChristmetteEine wahre Geschichte? |
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Sie zog einen Trolley hinter sich her, eine rollende Einkaufstasche, und machte gerade einen Halt, um am Schaufenster des Blumengeschäftes stehen zu bleiben und hineinzusehen. Ich hatte mir die Terrakottaschalen mit den kleinen Kakteen angesehen und sie als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter in Betracht gezogen, als sie mich ansprach. Es entwickelte sich eine kleine Unterhaltung über die Pflege der kleinen Stachler, von denen ich überhaupt nichts verstehe - im Gegensatz zu meiner Mutter, die diese Dinger liebt. Von den Kakteen kamen wir zu Geburtstagen - und als ich mich verabschiedete, wusste die Dame eine ganze Menge über meine Mutter und ihren Geburtstag. Es ist, dachte ich, so eine Art, die kleine alte Frauen haben - man erzählt ihnen eben gern etwas. In den folgenden Tagen sah ich sie öfter, und sie blieb meist bei mir stehen, um ein wenig zu plauschen. Ich bin eigentlich ein höflicher Mensch, aber manchmal macht es mich ungeduldig, wenn man mich aufhält. Trotzdem war ich nett zu ihr, und ohne dass ich es recht bemerkte, erzählte ich bei jedem Gespräch von meiner Familie und von meinem Leben. So wusste sie genau Bescheid, wann ich morgens meinen Jüngsten zum Hort brachte, denn in den folgenden Tagen traf ich sie schon in aller Frühe, wenn ich wieder auf dem Heimweg war und noch schnell zum Bäcker wollte - sie liebte frische Brötchen ja so sehr, sagte sie mit sonnigem Lächeln und ging von da ab täglich die Wegstrecke mit mir zurück. Ich erfuhr, dass sie in das kleine Häuschen eingezogen war, das sich etwa zweihundert Meter von unserem Haus befand und einige Zeit leer gestanden hatte. Mehr sagte sie nie - nicht einmal, ob sie noch irgendwo Angehörige hatte. Ein einziges Mal erwähnte sie, dass sie völlig alleinstehend sei. Ich kann nur sagen, dass sie immer überaus freundlich war, was man nicht allen alten Damen nachsagen kann. Das war auch der Grund, warum ich immer nervöser wurde, wenn sie in meiner Nähe war.
Obwohl ich den Grund nicht benennen konnte, begann ich die Begegnungen mit ihr zu fürchten, denn wenn ich sie von weitem sah, wenn sie mich "zufällig" auf der Straße traf, zog ich unwillkürlich die Schultern hoch. Mein Schritt wurde langsamer, etwas in mir wollte sich weigern, mit ihr zusammenzutreffen... aber sobald sie das Grußwort gesprochen hatte und mich anlächelte, war das Unbehagen verflogen und ich redete. War sie fort, überkam mich ein sonderbares Gefühl der Leere und des Überdrusses. Ich fragte mich, was ich alles erzählt hatte, aber konnte mich kaum erinnern. Sie kannte meine Kinder und meinen Mann vom Sehen, näherte sich ihnen aber nie - sie sprach ausschließlich mit mir. In den ersten Tagen des Dezembers ging es mir wirklich schlecht, ich schlief sehr unruhig und hatte Alpträume, die sich um alte Frauen in schwarz drehten und die mich zerschlagen und traurig aufwachen ließen. Sie wartete jeden Tag auf mich, irgendwo draußen. Nur am Sonntag hatte ich Ruhe, denn da verließ ich niemals alleine das Haus. Wir blieben daheim oder fuhren zusammen weg, aber die anfängliche Freude darüber verflog schnell, denn ich dachte zwanghaft an den Montagmorgen. Ich hatte versucht, meinem Mann von ihr zu erzählen, aber ich wusste nicht, wie ich das anfangen sollte und ließ es sein - wie soll man auch erklären, dass einem eine kleine alte Frau Angst macht. Meiner Familie fiel meine schlechte Verfassung auf, der Schlafmangel machte mich reizbar und nervös - es waren unerfreuliche Tage. Den ganzen Dezember hindurch hängte sie sich an mich, sobald sie mich sah, und das war eigentlich ständig, denn ich war praktisch den ganzen Tag im Viertel unterwegs, um Besorgungen und auch Besuche zu machen vor Weihnachten. Jedesmal, nachdem wir gesprochen hatten, schleppte ich mich mit leerem Kopf nach Hause, unfähig mich zu erinnern, worüber ich geredet hatte - nur, dass es sehr viel und sehr intensiv gewesen war, denn ich war danach immer länger ausgelaugt und ängstlich.
Also gingen wir ohne den Papa zur Kirche, die ganz in der Nähe liegt. Ich fühlte mich unwohl dabei, und auf der Straße suchten meine Augen die Umgebung ab - ich zitterte am ganzen Körper. Vor dem Portal der Kirche trafen wir Nachbarn und Bekannte mit ihren Kindern, und so gingen die Kleinen alle zusammen hinein. Ich verhielt den Schritt - ich wollte noch einen Augenblick den Himmel betrachten, der sternenklar und wunderschön war, obwohl es den ganzen Tag geschneit hatte, und als alle hineingegangen waren, sah ich sie. Sie stand in einiger Entfernung von der Kirchentür, in ihrem schwarzen Mantel wirkte sie wie ein Schatten. Ich konnte ihr Gesicht sehen, das völlig nackt war in dieser Nacht - nackt und bleich. Sie war fast ebenso weiß wie der Schnee, ihre Augen lagen in tiefen Höhlen und glitzerten wie Glas. Ihre schwarzgrauen Lippen wirkten wie ein unbarmherziger Strich, sie trug die Mütze nicht und ihre Haare standen in die Höhe wie eisgraue Flammen. Aber das schreckliche war der Ausdruck dieses Gesichtes, das in hasserfüllter Sehnsucht auf das Licht starrte, das aus den bunten Glasfenstern brach. Ihre Hände fuhren in die Höhe, als würden sie an einer unsichtbaren Wand kratzen - ich sah gelbliche und lange Nägel, die ich nie vorher bemerkt hatte. Und dann traf ihr Blick den meinen - sie fuhr zurück und stierte mich an... dann verzog sie den schwarzen Mund zu einer schrecklichen Karikatur eines freundlichen Lächelns. Über ihr Kinn lief Geifer, sie brabbelte vor sich hin und schüttelte den Kopf, dass die grauen Strähnen flogen. Ich weiß nicht, wie lange ich starrte, aber plötzlich drehte sie sich um und lief mit sonderbar verdrehten Bewegungen fort, ins Dunkle. Als wir nach der Mette heimgingen, ließ ich meine Blicke nicht schweifen - ich wusste, dass ich sie nie mehr wiedersehen würde und dass ich frei war und dass ihresgleichen nicht an die Nacht gebunden sind, sondern am helllichten Tag auf uns warten. Eine Erzählung der Geschwister Schwartz, © Pressenet
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