Das unbekannte Gegenüber

Die Schweiz und das Burka-Verbot

Moschee Wahrzeichen Islam

Wie im Dezember 2009 vermeldet wird, ist eine Schweizer Gemeinde dabei, Geschichte zu schreiben. In Grenchen im Kanton Solothurn hat der Bürgermeister die Weisung erlassen, dass Frauen, die eine Burka tragen, nicht mehr bedient werden - jedenfalls nicht bei der Stadtverwaltung.

Schließlich, so meinte man, muss man ja wissen, wer vis-a-vis steht. Und zu diesem Behufe wurden auch gleich zwei Polizisten bemüht. Denn man wusste ja nicht, wie der begleitende Vater reagieren würde, wenn sich die junge Frau in einem separaten Raum vor weiblichen Mitarbeitern enthüllen sollte.

Nun, so eine Burka verhüllt tatsächlich den ganzen Körper einer Person, das ist unbestritten. In diesem Fall sollen sogar die Hände der betreffenden Frau bandagiert gewesen sein. Es könnte sich ja sonstwer darunter verstecken. Und außerdem könnte die betreffende Person ja mehrere Brandsätze unter dem Kleidungsstück tragen und sonstwas damit anstellen.

Außerdem, so kann man weiterverfolgen, wird die Frau wohl Sozialhilfe beantragen und könnte Schwierigkeiten bekommen - denn sie weigert sich, mit Männern zu sprechen. Der Bürgermeister geht im Vorfeld davon aus, dass die Frau keine Leistungen zu erwarten hat. In manchen Städten, wie zum Beispiel in Antwerpen, ist das Tragen einer Burka völlig verboten, denn es verstößt gegen das Vermummungsgesetz.

Was genau nun ist eine Burka? Das verhüllende Teil hat eine lange Tradition und wird seit dem Mittelalter getragen. Je nach Land variiert der Stil, so sind bei der afghanischen Burka die Augen durch ein Gittergewebe oder einen Schleier ebenfalls bedeckt, während bei der pakistanischen Variante die Augen frei sind. Aber der Zweck des Kleidungsstücks bleibt die völlige Verhüllung des weiblichen Körpers vom Scheitel bis zur Sohle.

In muslimischen Ländern war im Lauf der Geschichte das Verhüllen oberste Pflicht der Frau und eine Frage der Ehre. Die Strenge der Vorschriften fand in jüngerer Zeit in Afghanistan einen traurigen Höhepunkt - dort war es nie ganz ungefährlich für Frauen, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sittenwächter kontrollierten den Sitz der Verschleierung, ob z.B. eine Frau Lippenstift trug oder sich sonst einer Todsünde schuldig machte. Die Bestrafung war hart und konnte im Extremfall bis zur öffentlichen Steinigung führen.

Mittlerweile ist das Gesetz - das gebietet, die Burka zu tragen - abgeschafft, trotzdem wagen sich die Frauen nur zaghaft ohne sie aus dem Haus. Denn in den Köpfen der Menschen dort ist der gute Ruf einer Frau noch immer von der Verhüllung abhängig. Das Gesetz kann zwar geändert werden, doch die Tradition ist hartnäckig. So sterben immer noch viele Mädchen und Frauen an den Folgen der Beschneidung - auch in Ländern, in denen sie offiziell verboten ist. Für Europäer ist das alles nur sehr schwer zu verstehen, umso mehr die Befürworter solcher Traditionen, die den Schutz und das Wohl der Frauen ins Feld führen.

Nebenbei outen sich die - in diesen Traditionen verhafteten - Männer als sexbesessene Bestien, die beim Anblick eines Frauengesichtes völlig die Beherrschung verlieren und auf offener Straße einen Vergewaltigungsversuch starten. Oder wie anders sollte man es verstehen, wenn wirklich jedes weibliche Körperteil bis zur Unkenntlichkeit mit Stoffbahnen verhängt werden muss - alles zum Schutz der Frau? Die Argumentation ist natürlich ein reiner Vorwand und sollte auf gar keinen Fall ernst genommen werden.

Inwieweit die Beschneidung dem Wohl der Frauen dient, konnte bis jetzt nicht schlüssig erklärt werden. Auf jeden Fall geht es hier nicht um Religion, es geht nicht um Schutz oder Behütet sein - es geht um umfassende Kontrolle, und um Wertigkeit. In Afghanistan saßen Witwen mit ihren Kindern bettelnd an den Straßenecken, sie hatten keine Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, denn das war ihnen strengstens verboten. Es blieb das Verhungern oder das Betteln, sofern sie nicht bei Verwandten unterkommen konnten. Solange sie schön verschleiert blieben, störte das auch niemanden. Diese Dinge sind bekannt und es gefällt niemandem - wie die betroffenen Frauen damit leben, wissen wir nicht.

Glaubt man ihnen, so finden sie die Verhältnisse in Ordnung und fühlen sich beschützt durch die Fürsorge ihrer Männer und Familien. Die mutigen Verfechterinnen der Freiheit, die sich öffentlich gegen diese Traditionen wenden, leben mit Verleumdungen und Todesdrohungen. Was man sich nun aber fragen muss: Wenden wir uns gegen das Bestimmungsrecht der muslimischen Männer, die ihren Frauen die Burka gebieten, verweigern wir dann durch das Trageverbot nicht den Frauen ebenfalls die Selbstbestimmung? Man kann nur spekulieren, ob eine verhüllte Frau das unter Zwang tut und den bodenlangen Schleier hasst, oder ob sie ihn stolz trägt.

Wer hätte das Recht, jede Burkaträgerin so lange zu verhören, bis die Wahrheit darüber ans Licht kommt? Die Problematik ist eine sehr komplexe, und man muss vermeiden, Begriffe wie Tradition, Religion, Fanatismus und Terror miteinander zu verknüpfen, um eine einfache Etikettierung zu erreichen. Der Terrorismus, der den Islam als Vorwand nimmt, um ungehemmt krankhaft elitäres Denken zu manifestieren, ist nicht auf ein paar überflüssige Meter Stoff angewiesen.

Der oben beschriebene extreme Fall von Verschleierung ist nicht der normale und wird in dieser Form nicht stündlich vorkommen. Das heißt, es liegt wohl kaum etwas daran, wenn ein weiblicher Beamter die Identität im Nebenzimmer feststellt und alle zufrieden sind. Das ist einfacher zu bewerkstelligen als der Einbau einer Rollstuhlrampe, womit sich immer noch sehr schwer getan wird bei den europäischen Behörden. Das Tragen einer Burka, ob freiwillig oder nicht, darf nicht zum gleichen Resultat führen wie Armbinden mit David-Stern im vergangenen Jahrhundert. PR

© "Das unbekannte Gegenüber - Die Schweiz und das Burka-Verbot" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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