Dunst kommt auf! Ist es denn egal,
woran man stirbt?

Rauchen verbieten. Rauchverbot

Ende Juli 2010: Das Rauchen ist kein so großes Thema mehr, in gewisser Hinsicht hat sich der Qualm schon wieder verzogen. Die heiße Diskussion um das Rauchverbot in Gaststätten und in der Öffentlichkeit ist ein wenig abgekühlt. Irgendwie hat sich das Thema in den privaten Bereich zurückgezogen.

Die rauchfreien Zonen in den Etablissements berechnen sich nach Quadratmetern, und das bedeutet jede Menge Freiraum, um das Verbot zu umgehen. Wessen Kneipe zu klein für getrennte Abteilungen ist, muss sich nicht mehr damit auseinandersetzen: es darf weiter geraucht werden. Wieso es nicht umgekehrt gehandhabt wird, geht unter im blauen Dunst, der uns da vorgemacht wird.

Trotzdem hat weiterhin jeder etwas davon. Während man in der Schlange im Supermarkt steht, sorgen vor der Kasse die interessanten Aufschriften auf den Zigarettenpackungen für allerlei Kurzweil. Auch bei Nichtrauchern, versteht sich. Vor dem Markt stehen rauchende junge Menschen und vergleichen grinsend ihre Packungsaufschriften. Vielleicht kriegt derjenige mit dem lustigsten Spruch auf der Pappe ein neues Päckchen von der Gruppe subventioniert. Zu mehr taugen die Sinnsprüche wohl auch nicht. Sie haben etwa denselben Effekt wie die Bibelverse auf den Kalendern. Ein kurzer Abriss, sozusagen.

Sonst ist man eigentlich kaum betroffen, auf der Straße verteilt sich das Zeug schnell in alle Winde, im eigenen Heim ist man Herr über alle Zonen, und wer zum Teufel muss schon in eine öffentliche Gaststätte gehen.

Ab und an schiebt sich die Problematik wieder in das Gesichtsfeld, so wie neulich am Morgen, als ich mich auf der Straße mit einem Bekannten unterhielt. Mir fiel ein älterer Mann auf, der mühsam und nach Luft ringend die zu einem Wohnblock führenden Stufen hinaufkletterte. Es war sehr heiß, und der Mann war auch ziemlich übergewichtig. Ich behielt die Szene im Auge, da ich jeden Moment damit rechnete, das Handy für einen Notruf zücken zu müssen. Nach einiger Zeit war die Treppe ohne Zwischenfall überwunden und ich wollte mich wieder meinem Gespräch zuwenden, als ich aus dem Augenwinkel etwas wahrnahm. Der offensichtlich kranke und unter Atemnot leidende Mann steckte sich tatsächlich eine Zigarette an.

Er lehnte sich an die Hauswand und rauchte, nicht eben genüsslich, denn er hustete eigentlich fortwährend. Aber er brachte es fertig, wirklich und wahrhaftig zu rauchen. Und ganz bestimmt hatte er keine Schachtel ohne Warnung erwischt, einen seltenen Fehldruck, der ihn im Unklaren über die Folgen ließ. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass der Mann Analphabet war - aber jemand, der vielleicht gedruckte Worte nicht lesen kann, sollte doch die Aufschreie seines Körpers hören können.

Mein Bekannter meinte dazu, der Mann wisse genau, was er tue - und wenn man ihn fragte, warum er sich das antue, würde die Antwort etwa so lauten: "Ich lebe nicht mehr lange, da kommt es auf das Rauchen nicht mehr an."

Dazu muss ich sagen, dass mein Bekannter früher ein starker Raucher war und daher weiß, wovon er redet. Er kennt alle Ausreden, sagt er. Und er kennt auch alle Sinnsprüche der qualmenden Zunft. "Ist doch egal, woran man stirbt - abtreten muss man so oder so." Und die blauen Legenden kennt er auch. So nennt er das, wenn jeder Raucher auf den Onkel hinweist, der achtzig Stück am Tag geraucht hat und neunzig Jahre alt wurde. Und auf die Tante, die mit dreißig dem Lungenkrebs erlag, obwohl sie niemals eine Zigarette auch nur angefasst hatte. Diese Legende erhärtet die Theorie der Raucher, dass das Nichtrauchen lebensgefährlich sei. Und man will ja nicht früh sterben, nicht wahr.

Er kennt die Reflexe, die jeden Nikotinsüchtigen dazu bringen, sich sofort eine Zigarette anzustecken, wenn sie von einem Lungenkrebsfall oder amputierten Raucherbein im Bekanntenkreis hören. Oder die bei rauchfreier Atemluft Kopfschmerzen bekommen und keinen Waldspaziergang durchstehen ohne Qualm, der einigermaßen vor einem eventuellen Sauerstoffschub schützt.

Aber wie ist er entkommen?

Es sei eine Frage der Selbstbestimmung, sagt er. Irgendwann ist man es leid, im Kino jeweils die letzte halbe Stunde Film nicht genießen zu können, weil man nach einer Zigarette giert. Das Leben besteht eigentlich aus Warten auf die Rauchpause. Man hangelt von Zug zu Zug, sozusagen. Das bedeutet allerdings nicht, dass man sein Leben in vollen Zügen genießen kann, sondern eher das Gegenteil.

Es ist, als hätte der Teufel vor jede Aktion eine Zigarette gesetzt. Irgendwann ist man ohne so ein Ding zwischen den Zähnen zu nichts mehr fähig. Vor dem Essen, nach dem Essen - das Bettqualmerl, das Frühstückshüstli und natürlich der ultimative Partyvulkan. So ein Stängel wird zum Stab des Moses, unverzichtbar bei jeder Gelegenheit. Rauchen macht krank, Rauchen kann töten, Rauchen macht abhängig. Und Rauchen macht unfrei.

Mit einem Blick auf den immer noch rauchenden Mann oben an der Treppe meint mein Bekannter, dass jedes kleine Stück Selbstbestimmung kostbar ist. Er hat einfach keine Zigarette mehr angezündet, sagt er. Weil er es nicht wollte, sagt er.

Und er hatte keinen einzigen Rückfall.

Ich frage nach den Entzugserscheinungen, und da meint er, es gebe keine. Es gebe nur Aufatmen.

Wenn sich einer - mit freien Lungen, mehr Kleingeld, mehr Souveränität und wohlriechend - nicht wohlfühle, dann liege das Problem tiefer.

Recht könnte er haben. Rauchverbot

© "Dunst kommt auf! Ist es denn egal, woran man stirbt?" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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