Tag der Heimat: Was bindet einen Menschen
an einen Ort?

Gedenktag: Tag der Heimat

Am sechsten August jedes Jahres ist der "Tag der Heimat". Dieser Gedenktag wird in Deutschland begangen, seit im Jahre 1950 - am Tag gleichen Datums - die Charta der deutschen Heimatvertriebenen vor dem Stuttgarter Schloss verkündet wurde. Der "Tag der Heimat" hat offiziellen Charakter, und somit zeigen öffentliche Gebäude Flagge.

Was soll man unter dem Wort "Heimat" nun eigentlich verstehen? Bedeutet es nichts als den Ort, an dem man geboren wurde? Viele alte Menschen sprechen mit großer Trauer von den Stätten ihrer Kindheit, von den geliebten Orten der ersten Jahre. Aber alles verändert sich. Kommt man nach Jahren wieder dahin zurück, könnte es sein, dass man die einst so vertrauten Wege nicht mehr erkennt. Straßen wurden gebaut, Häuser abgerissen und neue Gebäude errichtet. Alles ist anders geworden.

Das geschieht natürlich auch dann, wenn man da bleibt, wo man die Kindheit verlebte. Die Gegend verändert sich mehr oder weniger langsam. Wo es viel Grün gegeben hatte, sind jetzt Parkplätze, kleine Läden sind längst geschlossen und den großen Märkten an der Peripherie der Städte gewichen. Es gibt Menschen, die einen Ort als Heimat bezeichnen, obwohl sie ihn bewusst niemals gesehen haben, nur weil sie dort geboren sind und ihre Familie dort lebte.

Tausende von Liedern und Gedichten gibt es zum Thema Heimat, und früher gab es in den Schulen noch ein Fach, das sich "Heimatkunde" nannte - dort lernten die Kinder etwas über ihre nächste Umgebung wie die jeweilige Ortsgeschichte oder über die lokale Geographie. Der Begriff ist nicht nur positiv belegt, denn im Namen der Heimat geschah auch weniger Gutes, wie die Geschichte zeigt.

Aber was bindet einen Menschen an einen Ort? Könnte man einen Kieselstein aus der heimatlichen Gegend von einem Stein aus einem anderen Land unterscheiden? Würde man einen Baum, eine Linde vielleicht, als aus seiner Region erkennen? Wohl eher nicht, denn manches ist nun einmal gleich. Dafür aber versetzt einen so etwas Banales wie ein Geruch in die Kindheit und damit unter Umständen tausende von Kilometern weit an einen anderen Ort. Ein Kuchen im Ofen oder sonst irgendein Aroma, das aus der Kindheit im Gedächtnis geblieben ist.

Und mit diesem Geruch kommen viele Erinnerungen an etwas Schönes, das vergangen ist. Vielleicht ein Winterabend mit Apfelkuchen und Tee in einem Wohnzimmer mit den Großeltern. So ein Tag, an dem die Welt völlig in Ordnung war und man sich rundum wohl fühlte. Dieses Gefühl musste zwangsläufig verschwinden mit den Jahren, denn die Pflichten, Sorgen und Ängste, die das Leben so mit sich bringt, lassen es nicht mehr ohne weiteres zu. Ein Gefühl, das sich vom Standpunkt eines Erwachsenen wie ein paradiesischer Zustand anfühlt. Aber dies ist mit Sicherheit nicht abhängig von einer bestimmten Stadt oder Region, sondern einzig und allein von einem "Zustand".

Es gibt diesen klugen Spruch, der sagt: "Heimat ist da, wo das Herz ist." Was wie eine abgedroschene Lebensweisheit klingt, ist bei näherer Betrachtung einleuchtend. Viele Heimatvertriebene der ganzen Welt wollen ihre Trauer nicht beenden, sie halten daran fest. Spricht man mit ihnen, erzählen sie von geliebten Menschen, die sie zurücklassen mussten, oder auch von Besitztümern. Auch sie meinen nicht das Land als solches - im Sinne einer Handvoll Erde, die man irgendwo aufhebt. Sie meinen das, was ihr Herz verloren hat, ob es nun an Menschen oder Dingen hing.

Wer als Kind glücklich unter einem Apfelbaum gespielt und sich später vielleicht mit der ersten Liebe dort getroffen hat, in dem wird immer ein warmes Gefühl aufsteigen, wenn er so einen Baum sieht. Wo er nun genau steht - und vor vielen Jahren stand - ist völlig unerheblich für die Erinnerung. Es geht einfach um das vertraute, also "heimatliche" Gefühl. Man kann auch sagen, um das "Zuhause-Sein". Das ist für den einen das Wohnzimmer, für den anderen vielleicht der Fußballplatz oder sein Lieblingslokal. Mancher fühlt sich auch bei einer bestimmten Art von Musik daheim oder ist nur dann wirklich entspannt, wenn möglichst viele Leute um ihn herum sind.

Es gibt noch eine gängige Umschreibung in unserer Sprache: "Die Seele baumeln lassen." Das bedeutet nichts anderes als loslassen, abschalten und sich treiben lassen, fernab von Zwängen und Pflichten. Also auch ein Zustand, der unserer Kindheit entspricht. Für jeden einzelnen bedeutet das etwas anderes, so mancher kann sich nur richtig entspannen, wenn mindestens ein Fernseher läuft, während ein anderer absolute Stille braucht. Wer diesen Zustand erreicht, ist für den Moment völlig zu Hause. Er fühlt sich sicher und wohl.

Mit dem tatsächlichen materiellen Zuhause ist es eine unsichere Sache, es kann jedem Menschen genommen werden. Sei es durch einen Krieg, durch Naturkatastrophen oder ein sonstiges Unglück - es ist niemals ausgeschlossen, dass man den vertrauten Ort verlassen muss oder auch möchte.

Wenn jemand auswandert, heißt es: "Er sucht eine neue Heimat." Was wirklich dahinter steckt, ist klar: Jemand sucht sich selbst oder einen Ort mit Gegebenheiten, die es zulassen, dass man sich selber verwirklicht. Es geht auch hier nicht um Erde oder Steine, oder um eine geographische Region. Wo viele Leute mit "Heimat" ihr Geburtsland beschreiben, obwohl sie es noch gar nicht völlig bereist haben, bezeichnen andere nur ihre Stadt, vielleicht sogar nur ein Stadtviertel als ihre Heimat. Es kommt nicht wirklich darauf an, schließlich gibt es auch Menschen, die diesen Planeten als ihr Zuhause betrachten, und damit natürlich völlig Recht haben.

Heimat, das ist die Region im Inneren der Seele, die wir aufsuchen, um Kraft zu schöpfen, um uns geborgen zu fühlen und im Frieden mit uns selbst zu sein. Wir tragen sie mit uns, wohin wir gehen, außer natürlich, wenn wir uns darauf versteifen, sie irgendwo auf der Landkarte zu sehen. Das nämlich bedeutet meist, dass wir den Frieden in uns selber nicht finden können und zu den Getriebenen gehören.

Kostbare Erinnerungen können immer wieder genossen werden, unabhängig davon, wo man ist und wo man wohnt. Ein Zuhause für sich und andere schaffen, dazu braucht es nicht viel: etwas Freundlichkeit und Anteilnahme, anderen Menschen die Möglichkeit geben, sich wohl zu fühlen in unserer Gesellschaft und Fremde willkommen heißen. Heimat, das ist eigentlich überall. Heimat

© "Tag der Heimat - Gedenktag in Deutschland" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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