Irmhild, Tochter Ansgars (2. Kapitel, Teil I)

Leseprobe von Ulla Schmid

Kolosseum in Rom

Es war Sommer und Ansgar und Irmtraud arbeiteten auf dem Feld. Die Sonne stach von einem wolkenlosen, strahlend blauen Himmel und es war heiß. Die Kinder waren im und ums Haus beschäftigt. Ansgar richtete sich auf, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Das Herz blieb ihm stehen, als er in der Ferne etwas blinken sah. Es dauerte eine Weile, bis er etwas sagen konnte und ihm selbst kam diese Zeit endlos vor.

"Irmtraud", sprach er entsetzt, "wofür hältst du das, was ich da blinken sehe?"

Irmtraud blickte ihn erschrocken an: "Das sind römische Waffen. Wir müssen sofort die Nachbarn warnen und die Kinder in Sicherheit bringen."

Ansgar und Irmtraud ließen alles stehen und liegen und rannten wie von Sinnen vom Feld zu den Häusern. Die in den Häusern Verbliebenen rannten wiederum auf ihre Felder um ihre dort arbeitenden Angehörigen zu warnen. Die Kinder begriffen nicht, warum ihr Vater so aufgeregt war: "Irmtraud, Gerhild und Irmhild, ihr versteckt euch und ihr verhaltet euch ruhig. Ihr kommt erst wieder wenn ich euch hole und für dich, Ansgar ist es auch besser, wenn sie dich nicht zu Gesicht bekommen."

Sie hatten nicht viel Zeit und das Versteck war nichts weiter als ein alter Bretterverhau. Die Versteckten konnten gut das Geschehen überblicken. Allerdings war es Ansgar und Irmtraud klar, dass die Römer dieses Versteck finden würden, wenn sie es finden wollten und intensiv danach suchten. Aber diese Gedanken waren ihnen so schrecklich, dass sie sie weit von sich schoben. Irmtraud weigerte sich zunächst, sich auch zu verstecken. Sie wollte bei ihrem Mann bleiben, aber Ansgar befahl ihr barsch, sich zu den Kindern zu begeben. In den anderen Häusern spielten sich die gleichen Szenen ab. Die Kinder erstarrten und gehorchten wortlos dem Vater, der sie und ihre Mutter in das für sie vorgesehene Versteck brachte.

"Es könnte schon sein, dass sie uns Männer töten, aber wenn sie euch Frauen auch noch erwischen, dann sind unsere Kinder ganz allein, oder sie und ihr Frauen werdet gar als Sklaven nach Rom gebracht und das sollten wir nicht riskieren."

In der Zwischenzeit waren die Römer mit dem ihnen eigenen Schritttempo in die Nähe des Dorfes gekommen.

"Aha", grinste einer der Legionäre. "Hier liegen die Ackergeräte, mit denen gerade eben noch gearbeitet wurde. Das sieht mir nach einer hastigen Flucht von den Feldern aus. Die Dorfbevölkerung weiß sicher, dass wir auf dem Weg zu ihnen sind. Wir sollten diese Ackergeräte mitnehmen, wir können Werkzeug gebrauchen."

Die anderen nickten grinsend. Das Dorf wirkte wie ausgestorben und die Römer wurden in ihren Ahnungen, dass die Dorfbevölkerung über ihr Kommen Bescheid wusste, bestätigt.

Links des Rheins waren römische Legionen stationiert und das Gebiet der Cherusker war Durchzugsgebiet der römischen Soldaten wenn sie über den Rhein setzten und Richtung Elbe zogen. Was für ein Anblick. Wie ein gepanzerter Heerwurm wälzten sich die Römer Richtung Osten. Nichts und niemand konnte sie aufhalten und den germanischen Stämmen schienen diese römischen Legionen unüberwindlich.

Irmhild war inzwischen fünf Jahre alt. Ihre rötlichblonden Löckchen umrahmten ihr schmales Gesichtchen. Jedermann konnte schon ersehen, was für eine Schönheit sie ein Mal werden würde. Für Männer, besonders für Römer, dürfte sie jetzt noch uninteressant sein, aber sie konnte schon als Sklavin nach Rom gebracht werden. Ansgar war es lieber, wenn die durchziehenden Römer seine Frau und seine Töchter nicht zu Gesicht bekamen. Und in Rom, so hatten die Cherusker gehört, seien Mädchen ab elf Jahren im heiratsfähigen Alter, und da sollte man mit der hübschen elfjährigen Gerhild doch vorsichtig sein. Und Irmtraud könnte auch noch interessant sein für einen römischen Legionär. Auch die Nachbarn beeilten sich, ihre jungen Frauen, Mädchen und Kinder zu verstecken.

Bei ihren Zügen hielten die Römer auch nach Jünglingen und jungen Männern Ausschau, die sie fürs Militär rekrutieren konnten. Ansgar, der jüngere, war mit seinen 13 Jahren zwar noch etwas zu jung, aber diesbezüglich doch schon in einem interessanten Alter. Vor einigen Jahren waren die beiden Söhne des Fürsten Segimer, die man unter den Namen Arminius und Flavus (der Blonde) kannte und um einiges jünger waren als Ansgar, als Geiseln nach Rom mitgenommen worden.

Niemand wusste, wie es ihnen ergehen mochte. Nun hörte sich das schrecklicher an, als es war. In Rom lebten viele Fürstenkinder, nicht nur aus Germanien, sondern aus dem gesamten Reich. Söhne und Töchter, die von ihren Vätern als Zeichen des guten Willens als Geiseln nach Rom geschickt wurden. Damit war den Römern zusätzlich gesichert, dass die Väter dieser Kinder keinen Krieg oder kriegsähnliche Auseinandersetzung mit ihnen begannen. So übel war das Leben dann doch nicht, konnten diese Kinder ein einigermaßen gutes Leben führen und eine gute Ausbildung genießen. Es war aber schon verständlich, dass sich viele dieser Kinder nicht wohl fühlten und nach Hause wollten.

Auf den jungen Ansgar könnten die Römer auch sofort zurückgreifen. Irmtraud, Gerhild, Irmhild und Ansgar hörten das Klagen der alten Frauen und der Männer, als die Römer die Häuser nach Essbarem, Waffen und Handwerkszeug durchsuchten, wobei an Waffen nichts da war, was für die Römer brauchbar war. Auch konnten sie von ihrem Versteck aus gut das Geschehen beobachten. Die Römer wurden fündig und die Ziege und die Hühner sowie den Hahn des Ehemanns und Vaters hatten sie auch gefunden. Die Dorfbewohner, die sich nicht versteckt hatten, hatten sie auch bald gefunden. Diese hatten sich auf dem Platz, an dem die Germanen ihren Thing, ihre Versammlungen abhielten, zusammengeschlossen. Es waren die Männer und die alten Frauen des Dorfes.

"Das könnt ihr nicht machen", hörten sie Ansgars Stimme fest.

"Du scheinst hier alleine zu wohnen und da brauchst du nicht so viel zu essen. Eine Armee muss essen", höhnte der Kommandant der Legionäre, ein junger, gutaussehender Mann. Den Cheruskern schien er von unangenehmer Wesensart.

"Aber nicht das, was wir für uns hergestellt haben. Ihr habt kein Recht es uns zu nehmen. Es ist alles, was wir haben und unser Land ist kein römisches Territorium", entgegnete Ansgar wieder fest.

Die Legionäre schnappten nach Luft und ein vernichtender Blick traf ihn: "Das wird es aber werden, denn fast die ganze Welt ist römisches Territorium, und der Norden Germaniens fehlt uns eben noch", höhnte der Kommandant und dabei hob er die Hand in einer Geste, die die ganze Welt zu umschließen schien. Seine Kameraden lachten und es war kein gutes Lachen.

"Drusus", meldete sich einer der Lachenden zu dem Kommandanten, "das hat sich hier in diesem rückständigen Land eben noch nicht herumgesprochen. Und was redet dieser Mensch da von Recht? Das Recht ist auf unserer Seite", und wieder lachten die Legionäre. Den Cheruskern kam es respektlos vor, wie die gemeinen Legionäre ihren Kommandanten ansprachen. Jedenfalls schien er bei seinen Männern sehr beliebt zu sein.

Die Römer rümpften die Nase: "Germanisches Brot, ist besser als nichts und die Tiere, die wir gefunden haben, können wir auch brauchen."

Dabei warfen sie sich hochmütig das Brot zu und in ihrem ganzen Gebaren wirkten sie arrogant und überheblich. Dass die Germanen jetzt hungerten, wussten sie mit Sicherheit, aber es war ihnen egal. Die cheruskischen Männer juckte es, sich mit ihren ihnen abgenommenen Dreschflegeln, Worfschaufeln, Sensen und Hacken zu bewaffnen um auf die Legionäre loszuschlagen. Allerdings wussten sie auch, dass sie keine Chancen gegen diese gut gedrillten, disziplinierten und als beste Soldaten der Welt geltenden Männer hatten.

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© "Irmhild, Tochter Ansgars, 2. Kapitel" ist eine Leseprobe von Autorin Ulla Schmid; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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