Irmhild, Tochter Ansgars (2. Kapitel, Teil III)

Leseprobe von Ulla Schmid

Kolosseum in Rom

Drusus marschierte weiter nach Osten. Er war schon sehr umtriebig und hatte an strategisch wichtigen Orten etwa 50 Kastelle, hauptsächlich längs des Rheins und einen Kanal, der vom Rhein an die Nordsee führte und seinen Namen trug, fossa Drusiana, gebaut.

"Seht ihr auch, was ich sehe? Da ist die Elbe", lachte Drusus und zeigte mit seiner Hand auf das blaue Band der Elbe, die sich aber immer noch in einiger Entfernung durch eine herbschöne Landschaft schlängelte. Die Legionäre starrten angestrengt in die Richtung, konnten aber noch keinen Fluss sehen. Nun, Drusus war von der Eroberung des Landes wie besessen. Ihm sollte gelingen, was einem Cäsar nicht gelungen war. Und doch sollte alles ganz anders kommen.

"Wir werden noch für eine Nacht ein Lager anlegen und dann sind wir endlich da", lachte Drusus gezwungen. "Es kommt jetzt auf einen Tag nicht an."

Er bemerkte die Unlust seiner Legionäre, auch noch einen Meter vorwärts zu gehen. Dabei hätte er es nur anzuordnen brauchen. Seine Männer gehorchten ihm aufs Wort, aber er wollte es gut sein lassen. Er wäre so gerne weitermarschiert. Er fühlte sich nicht müde, aber ohne seine Legionäre konnte er das Land nicht erobern.

Seine Männer legten das Lager an und Drusus blickte sehnsüchtig in Richtung Elbe. Er, der sonst beim Lageraufbau immer geholfen hatte, schwang sich auf sein Pferd und wollte davon reiten.

"Das würde ich jetzt an deiner Stelle nicht tun", lachte Valerius Aemilius, einer der ersten seines Stabes. Er hatte die Gedanken seines Kommandanten erraten. "Du solltest nicht alleine in diesem Land unterwegs sein. Du weißt nicht, wer und was sich in diesem unheimlichen, verfluchten Land in den Wäldern verbirgt und diese Barbaren hier mögen uns nicht."

Drusus blickte ihn erstaunt an: "Woher hast du gewusst, was ich vorhabe?"

"Ich weiß doch, dass du darauf brennst, an die Elbe zu kommen", gab Valerius erneut lachend zurück.

Er wollte noch etwas sagen, aber eine Frau war aufgetaucht. Nun waren die Germanen allgemein schon größer als die Römer, aber diese Frau schien germanische Männer um einiges zu überragen. Dazu war sie von großer Schönheit. Eine Flut goldblonder Locken umrahmte ihr schmales, ebenmäßiges Gesicht und endete erst an ihrer schlanken Taille. Ihre Haut schien wie Elfenbein und ihr Kleid war aus feinstem, schimmerndem Stoff. Im Allgemeinen trugen Germaninnen Kleider aus groben Stoffen. Doch ganz so primitiv wie die Römer die Kleidung der Germanen darstellten, war diese dann doch nicht.

"Wo willst du noch hinziehen, unersättlicher Drusus?", begann sie. Ihre Stimme schien nicht zu einem Menschen zu gehören und wurde sogar noch in einiger Entfernung gehört. "Kehr um. Es soll dir nicht bestimmt sein, dieses Land zu erobern und die Elbe zu überqueren. Das Ende deiner Taten und deines Lebens steht kurz bevor."

"Wer bist du? Hat dich jemand geschickt oder kommst du von dir aus?", fragte Drusus und blickte der Frau in die hellen, blauen, klaren Augen. In diesen war etwas, was ihn klein, unbedeutend und schüchtern werden ließ. Er wirkte wie hypnotisiert. Seinem Stab und den Legionären schien dieses Anstarren eine Ewigkeit zu dauern. Er selbst konnte im Nachhinein nicht sagen, wie lange dieses Anstarren gedauert hatte und an welchem Ort er sich währenddessen befand.

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Dazu herrschte eine unnatürliche Stille und nichts bewegte sich, kein Windstoß, kein Vogelgezwitscher, kein Geraschel in Feld, Wald und Flur, kein Schnauben der Pferde. Die arbeitenden Legionäre hatten ihre Arbeit unterbrochen und blickten atem- und sprachlos auf ihren Kommandanten und die Frau. Diese hielt seinem Blick stand, lächelte, gab keine Antwort, drehte sich nach einer Weile abrupt um und ging gemessenen Schrittes, so wie sie gekommen war, wieder zurück in die Richtung aus der sie gekommen war.

"Du wagst es, mir zu drohen und mir nicht zu antworten", wollte Drusus noch brüllen, aber er war wie gelähmt; da waren diese Augen, die ihn daran hinderten. Er war auch nicht in der Lage, einigen seiner Männer Befehl zu geben, der Frau nachzureiten um zu sehen, woher sie gekommen war und wohin sie wieder gehen würde. Diese waren ebenso erstarrt und hätten einen Befehl ihres Kommandanten sowieso nicht ausführen können. Woher wusste die Frau, wer Drusus war und was dieser vorhatte? Wie konnte sie es wagen, so mit dem Adoptivsohn des Kaisers, des mächtigsten Mannes der Welt, und ihrem Feldherrn zu sprechen? Und doch wagte keiner der Legionäre und nicht ein Mal Drusus, Hand an diese Frau zu legen. Er ließ sich nicht anmerken, wie erschrocken er war.

"Ihr arbeitet weiter", befahl er den Legionären heiser und stieg vom Pferd. Dann ließ er eine Lagebesprechung abhalten: "Was meint ihr? Kann man diese Frau ernst nehmen? Ich bin es auch nicht gewohnt, dass man mir meine Fragen nicht beantwortet", fragte er seinen Stab. An den Cherusker, der ihm seine Fragen nicht oder nur frech beantwortet hatte, dachte in diesem Moment niemand.

"Ihr könnt mich für verrückt halten, aber ich glaube, diese Frau war kein Mensch. Was hast du nun vor?", fragte Valerius Aemilius stattdessen.

"Ich muss zugeben, dass mir diese Frau auch nicht als Mensch vorgekommen ist. Sie weiß meinen Namen und sie weiß, was ich vorhabe. Aber meinen Namen kann jeder erfahren, der ihn erfahren will. Die meisten hier wissen, dass wir zur Eroberung des Landes hier sind, und ich lasse mir von niemandem drohen", gab sich Drusus kämpferisch, obwohl ihm gar nicht danach zu Mute war. Aber wenn er jetzt als Feldherr seinen Leuten zeigte, dass er Angst hatte, hatte er sie verloren. Ein Feldherr durfte niemals Angst zeigen, haben durfte er sie schon, aber niemals zeigen. Seine Legionäre würden ihm nicht mehr gehorchen und ihn auslachen und er wollte doch unbedingt dieses Land erobern. Sein Name würde mit dem Cäsars genannt werden. Dabei wusste er nicht, dass sie auch nichts lieber tun würden, als umzukehren.

"Wir wissen immer noch nicht, was du vorhast. Willst du weiterziehen?", wollte nun Valerius Aemilius wissen.

"Nun, ich habe mich entschieden umzukehren", meinte Drusus. "Vielleicht ist die Zeit für die Elbeüberquerung noch nicht reif. Ihr sollt das auch nicht so verstehen, dass ich zurückweiche, aber wir kehren um und versuchen es zu einem späteren Zeitpunkt an einer anderen Stelle noch ein Mal. Schon der zum Gott erhobene Cäsar hat zwei Mal versucht, dieses Land zu erobern und es ist ihm nicht gelungen."

Sein Stab blickte ihn erstaunt an, aber sie ließen sich überzeugen, dass es besser war, umzukehren. Das von Cäsar hatten die wenigsten von ihnen gewusst. Es lebte keiner mehr, der damals dabei war. Die Legionäre beratschlagten auch, ob es nicht besser wäre, sich zurückzuziehen. Drusus gab den Befehl zur Umkehr am nächsten Morgen und diese Nacht sollten sie Ruhe bewahren. Wie zu erwarten, verbrachten Drusus und sein Stab eine unruhige Nacht. Was war nur in ihn gefahren, dass er den Worten eines Weibes nachgab? Oder war dieses Weib gar kein Mensch? Aber was war sie dann? Er als Stellvertreter der Weltmacht Rom ließ sich ins Bockshorn jagen. Er und sein älterer Bruder Tiberius hatten schon so viel erreicht.

Vor ein paar Jahren (12 vor Christus) wurde Tiberius aus Germanien zur Eroberung Pannoniens (Ungarn) abkommandiert. Augustus traute ihm, Drusus, die Eroberung Nordgermaniens also schon zu, und er selbst wollte diese Eroberung und sie musste ihm gelingen.

Zum letzten Teil der Geschichte Irmhild, Tochter Ansgars IV

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© "Irmhild, Tochter Ansgars (2. Kapitel, Teil III)" ist eine Leseprobe von Autorin Ulla Schmid; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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