Bedrohliche Stille: Die Angst vor dem Spiegelbild

Alleinsein als Angstfaktor

Bedrohliche Stille

Da sitzt die Freundin vor einem, eine Sonnenbrille verdeckt die bläuliche Verfärbung, die einen düsteren Hof um ein Auge malt, und sie fragt sich, wieso sie sich das antut. Ein Bekannter versucht die Alkoholsucht seiner Frau zu verstecken, obwohl jeder Bescheid weiß, der die beiden schon einmal auf einer Party erlebt hat. Man kennt Freunde oder Freundinnen, die man für erbitterte Feinde halten könnte, ihrem Verhalten nach ... wüsste man nicht, dass sie wie die Kletten zusammenhängen - trotz ihrer ständigen Streitereien.

Die Fragen sind dann: Wieso lässt sie sich prügeln? Wieso gehen sie nicht getrennte Wege? Wieso lässt er sich immer wieder in der Öffentlichkeit blamieren? Wieso kündigen sie nicht die "Freundschaft", da sie sich gegenseitig antun, was immer sie können? Auch wenn man die Fragen anders stellt, wird man immer das Gleiche hören. Auf die eine oder andere Art - und in variabler Umschreibung - geht es immer um die "Angst vor dem Alleinsein", die "Angst vor der Einsamkeit". Alles, so scheint es, ist besser als das. Aber was verstehen die Menschen eigentlich unter dem "Alleinsein", oder "Einsam" sein?

Wie kann ein Mensch die Gesellschaft eines unberechenbaren, gewalttätigen Partners dem Alleinsein vorziehen ... also dem freien Agieren ohne Angst vor Schlägen? Kann man sich daran gewöhnen, von einem volltrunkenen Menschen lächerlich gemacht zu werden? Wieso nennt man jemanden, der schlecht über einen redet, sobald sich die Gelegenheit dafür bietet, tatsächlich FREUND? Hat das Ganze etwas mit der Angst vor Unbekanntem zu tun, mit der Weigerung aufzubrechen und sich auf Neues einzulassen?

Es gibt, das ist klar, einen gewissen Unterschied zwischen allein und einsam - so manche gestresste Mutter oder erschöpfte Vater gäben viel darum, einmal alleine in einem Zimmer irgendetwas tun zu können, bei dem sie nicht gestört werden. Sie möchten hin und wieder allein sein. Einsam bedeutet jedoch, niemanden zu haben, der einem auf die Nerven fällt - aber tatsächlich ist Einsamkeit nicht an Menschen gebunden. So kann man sich tatsächlich auch beim Opernball oder auf einer Riesenparty einsam fühlen. Was man braucht, ist Freiraum und die Möglichkeit, mit jemandem etwas zu teilen. Aber genau diese Ausgewogenheit scheint sehr schwierig zu sein.

Unter "zusammen sein" verstehen viele Menschen, sich niemals als Einzelperson wahrnehmen und daher auch keine Verantwortung übernehmen zu müssen, also in letzter Konsequenz nicht erwachsen zu sein im Sinne von autonomer Persönlichkeit. Es muss eine Beziehung her - ganz gleich, was für eine, damit das Alleinsein vermieden wird. Was damit erreicht wird, ist oft eine größere und vor allem bewusstere Einsamkeit, als wenn man Single wäre.

Es gibt Menschen, die - sobald sie in die Wohnung kommen - sofort den Fernseher anstellen. Dann machen sie Abendbrot oder sonst etwas, schauen eigentlich gar nicht hin. Es geht ihnen nur darum, der Stille zu entfliehen, so als würde etwas Schreckliches passieren, wenn es keine Hintergrundgeräusche in der Wohnung gäbe. Das sind die gleichen Leute, die von sich behaupten, dass sie ohne Fernseher oder auch Internet nicht leben könnten - sie sind nicht in der Lage, irgendetwas mit sich anzufangen. Nähme man ihnen die Mediengeräte und das Telefon, hätten sie nicht die geringste Ahnung, was sie tun sollten ... sie können nicht mit sich selbst zusammen sein. Sie sind nicht in der Lage, ihre eigene Gesellschaft zu schätzen. Dabei mögen sie andere Menschen nicht wirklich, so wie die Freundinnen, die scheinbar nur zusammen "abhängen", um sich gegenseitig zu beobachten, weil sie jeweils das Schlimmste von der anderen erwarten.

Wer sich vor der Stille fürchtet, weil er sich dabei zu stark wahrnehmen würde, mag sich nicht und ist daher wohl auch kaum in der Lage, andere Menschen zu mögen. So gesehen, braucht dieser Mensch andere Personen nur als Folie ... als Ablenkung, oder als Bestätigung der eigenen Unzulänglichkeit, wie vielleicht die Frau mit dem blauen Auge - oder aber um ewig den gleichen Wettbewerb mit dem vertrautesten Feind durchzuspielen, wie die beschriebenen Freunde/Freundinnen.

Vielleicht braucht der Mann mit der Trinkerin die vermeintliche Aufgabe, um seinen Märtyrerkomplex zu pflegen ... um die Aufopferung seiner Selbst zu zelebrieren. Es geht da niemals um den anderen Menschen dabei. Je mehr man sich von sich selber entfernt, desto unerreichbarer wird der andere - das Gegenüber.

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© Text und Foto zum Beitrag "Bedrohliche Stille: Die Angst vor dem Spiegelbild": , 2011.

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