Füttern bedingt erlaubt

Über gemeine und ungemein nette Menschen

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Es tut mir sehr leid

Kennen Sie die Geschichte von dem alten Indianer und den zwei Wölfen? Ein alter Mann sitzt mit seinem Enkel am Feuer, und als Wolfsgeheul zu hören ist, sagt er, dass er zwei Wölfe in sich habe: einen guten, freundlichen - und einen bösen, der immerzu knurrt und die Zähne fletscht. Als der kleine Junge fragt, welcher der Wölfe denn nun stärker sei, antwortet der Großvater: "Der, den ich füttere."

Es geht in der Geschichte vor allem darum, dass man die Wahl hat. Wohl jeder hat Licht- und Schattenseiten in sich vereint, und so mancher nimmt diese Tatsache der Komplexität des Wesens als eine Art Entschuldigung für aggressives oder anderes, nicht sozialkompatibles Verhalten. Zwar kann von keinem Menschen verlangt werden, dass er jede Stunde seines Lebens freundlich, liebenswürdig und hilfsbereit ist, doch Grenzen sollte es dabei schon geben.

Wer seinen inneren Schweinehund grundsätzlich unangeleint laufen lässt, verliert jedes Gefühl dafür, wie er auf andere Menschen eingehen könnte. So kann es wahrscheinlich dazu kommen, dass kleine Streitigkeiten mit den Nachbarn zu regelrechten Kriegen mutieren - angefangen hat es wahrscheinlich mit einem kleinen Ärgernis hier und da, mit völlig unwichtigen Dingen. Wer es vorzieht, den "netten Wolf" zu füttern, wird solche Sachen mit einem Achselzucken abtun - vor allem, wenn sie ihn nicht direkt betreffen. Hat der Nachbar Gartenzwerge, die man als Geschmacksverirrung ansieht, dann kann man wegschauen und die Zipfelmützenträger einfach vergessen. Irgendwann nimmt man sie nicht mehr wahr.

Wer aber lieber der Bestie Futter über den Zwingerzaun wirft, nimmt vorneweg alles als persönlichen Angriff. Man ist grundsätzlich der Meinung, dass alle anderen nichts anderes im Sinn haben, als einen zu ärgern. Dass der Nachbar einfach einen Narren an den bunten Keramiken gefressen hat, wird erst gar nicht in Betracht gezogen. Man bezieht dies erst einmal auf sich selbst. Es ist auch ärgerlich, wenn Nachbars Lumpi direkt vor die eigene Türe geschäftelt - aber ein klärendes Gespräch ist da wahrscheinlich nützlich. Anzunehmen, dass "der das absichtlich macht", ist nicht sehr realistisch. Und wenn doch - dann sollte einem der Nachbar samt Dackel leid tun, denn dann hat der einen Zweit-Caniden in seinem Seelenzwinger, den er füttern muss. Unsereiner kann da in aller Gemütsruhe einen sanften Wolf kraulen...

Sie verstehen, worauf es ankommt? Wenn wir grundsätzlich erwarten, dass alle Menschen um uns herum nichts im Sinn haben als Gemeinheit, dann wird es irgendwann auch so sein. Und dann führt eins zum anderen und wir sind nicht mehr in der Lage, objektiv eine Situation zu beurteilen. Schließlich wissen wir ja, wie schlecht die Welt ist. Aber wissen wir das wirklich? Der nett grüßende Nachbar fällt erbarmungslos durch das Wahrnehmungsraster, er passt nicht in das Weltbild und existiert folglich nicht. Der hilfsbereite Teenager wird argwöhnisch betrachtet - der will wahrscheinlich nur die Lage peilen... liest man ja dauernd. Und der Internet-Bekannte schreibt etwas Nettes, was in der Eile missverstanden wird - und plötzlich glaubt man, alle 159 anderen Bekannten gegen sich zu haben, weil sie "Gefällt mir" bei ihm klicken.

Leider wird so etwas zum Selbstläufer, und was am Ende dabei herauskommt, ist Verbitterung und die Unfähigkeit, sich an irgendetwas zu freuen. Natürlich gibt es unfreundliche, unehrliche und gedankenlose Zeitgenossen - aber sie stellen nicht die Mehrzahl. Je weniger wir ihnen an Aufmerksamkeit zukommen lassen, desto weniger rücken sie in unseren Fokus. Also bitte ein Schild mit der Aufschrift "Nicht füttern" an das Wolfsgehege mit dem knurrenden Tier, dann bleibt das Nervenkostüm ganz - und wir können uns den kleinen Freuden des Lebens weitaus unverkrampfter widmen.

Es tut mir sehr leid

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© ; Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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