Verschmähtes Fährgeld (2. Teil)

Erzählung von Jutta Schöps-Körber

Assyrische Stadt

Hier die Fortsetzung der 2-teiligen Geschichte der Autorin. Zurück zum ersten Teil: Verschmähtes Fährgeld

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"Auf, Männer!" Semiramis ist ans Seil getreten. "Wir haben es unzählige Male geprobt, das Längshangeln an einem Seil und jeder von uns hat eine weitere Strecke geschafft, als diese hier. Es wird ein Leichtes sein, glaubt mir", und damit packt sie das Seil mit beiden Händen und schwingt ihre Beine nach oben. Ihre Füße umklammern das Tau, doch dann muss Semiramis schlucken.

"Nicht hinab schauen!", schießt es ihr durch den Sinn. Also los! Sieg oder Niederlage, das hängt nun von ihr ab und mit kräftigen Zügen beginnt sie, die Schlucht zu überqueren.

Aus dem Abgrund weht ihr ein kalter Wind entgegen oder ist es der eisige Atem der Ereschkigal? Semiramis hält inne. Nun geht ihr Blick doch hinab in die dunkle Kluft. Und erneut fährt ihr der schneidende Atem der Todesgöttin mitten ins Gesicht, reißt ihr die Kappe vom Kopf, unter der sie ihre Locken verborgen hat. Gemächlich torkelt die Mütze nach unten und die flatternden Haare nehmen ihr die Sicht.

"Nein!", Semiramis brüllt es in ihrem Schreck heraus. Sie klammert sich mit solcher Macht an das Seil, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Dabei läuft ein Zittern durch ihre Arme, will ihren ganzen Körper erfassen, aber in diesem Augenblick bläst Ereschkigal von vorn. Semiramis kann wieder sehen und mit kräftigen Armzügen hangelt sich die junge Frau weiter. Es dauert nicht mehr lange, da krallen sich ihre Hände in Erde. Rasch zieht Semiramis die Beine auf den festen Boden. Dann hockt sie da und fühlt, wie die zurückgedrängte Angst über sie hereinbricht und ihr die Tränen in die Augen treibt. Einen Augenblick lang bleibt sie sitzen, den Kopf zwischen den Knien, doch dann richtet sie sich auf, winkt den Kameraden zu. Die stoßen sich gegenseitig an und lachen. Keiner ruft oder schreit und trotzdem fühlt Semiramis, wie sie ein neues Gefühl überfällt. Es ist warm und strahlend, überwältigend und berauschend. Es lässt sie die Arme hochreißen und herumtanzen.

"Ich habe es geschafft, ich habe es geschafft!", hämmert es in ihrem Kopf, "ich bin die Größte!" Doch dann kniet sie sich an den Abgrund:
"Ich danke Euch, Göttin der Unterwelt, dass Ihr mich beschützt habt. Hier ist mein Dankopfer, Ereschkigal!" Semiramis nimmt ihren Weinschlauch und wirft ihn in die Tiefe hinab. "Und nun steh' auch meinen Kameraden bei!"

Und in der Tat schafft es der ganze Trupp. Aber zum Feiern und Danken bleibt keine Zeit, denn die Sonnenscheibe des Schamasch hat sich schon ein Stück am Himmel hoch geschoben. Rasch bauen die Männer mit ihren Strohbündeln eine Pyramide und entzünden sie. Eine dünne Rauchsäule kämpft sich kräuselnd empor, gaukelt umher, flaut wieder ab.

"Was soll das?", keift Semiramis, obwohl doch Ruhe geboten ist, "seid ihr zu blöd, um ein richtiges Feuer zu entfachen?" Ihre Stimme zittert, überschlägt sich fast. "Der Rauch soll das Zeichen für unsere Soldaten sein, dass sie die Burg von vorn angreifen können. Wie sollen sie dieses, dieses armselige Etwas sehen können, ihr Dummköpfe? Oder wollt ihr die Baktrier warnen, wollt ihr mit euren stumpfen Dolchen gegen die scharfen Schwerter unserer Feinde kämpfen?"

"Semiramis!" Es ist Ninlil-hasina, die die Hysterische anstößt.

"Wir werden alle umkommen!, schluchzt Semiramis und sinkt der Freundin in die Arme. Die wiegt sie wie eine Mutter hin und her. "Schsch", macht sie dabei.

"Gießt etwas Lampenöl auf das Stroh!", übernimmt Schamschi-ilu das Kommando, "anscheinend ist es bei der Überquerung des letzten Flusses etwas feucht geworden. Und du, Ninlil-hasina, lass' Semiramis los, ich brauche dich. Wir müssen die Strohbündel verteilen. Diese Pyramide bewährt sich nicht."

Semiramis merkt kaum, wie Ninlil-hasina sie sanft zu Boden gleiten lässt. Die Frau, die gerade noch die Arme hochgerissen hat, ist ein wimmerndes Häuflein Mensch geworden, das bebend und bangend die Hände vors Gesicht geschlagen hat. Ein Abgrund hat sich vor ihr aufgetan, ein anderer als der, den sie gerade überwunden hat. Dunkelheit hält sie gefangen wie das Mauerwerk einer Gruft. Ein frostiger Orkan umorgelt sie, gurgelt und gluckst, jammert und jault. Sie friert und gleichzeitig nimmt ihr eine plötzliche Hitzewelle die Luft zum Atmen. Knatternd erheben sich Flammen neben ihr. Grauschwarze Rauchschwaden wachsen empor, entfalten sich, umkreisen sie. Schützend birgt sie den Kopf in ihren Armen. Doch das Ungeheuere nimmt zu. In das Knallen der Flammen mischt sich Gebrüll, Gegröle. Ein Sirren und Schwirren durchschneidet die Luft, ein Rasseln und Prasseln brandet auf. Flüche und böse Wünsche bannen alle guten Geister.

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Und da jagen sie schon heran, die Dämonen. Lamaschtu, die Göttin allen Unheils, reitet auf ihrem Löwen stehend vorbei. Ihr folgen die Drachen, die Greife, die Löwen, all diese Bestien, die den Menschen verschlingen wollen. Dann die Panther, die Widder, die Schlangen, die arglistig das menschliche Herz benebeln. Ihnen auf den Fersen folgen menschenähnliche Gestalten, manche mit Flügeln, andere mit Vogelköpfen, wieder andere habe vier Beine. Alle tragen sie Waffen mit sich, Schwerter, Pfeile, Bogen, Äxte. Sie verhöhnen und verspotten Semiramis, strecken ihr knochige Finger entgegen oder bedrohen sie mit ihren Waffen.

"Ist das mein Untergang, ihr Götter? Muss ich nun sterben, weil ich, als Frau, glaubte, Ideen entwickeln zu können wie ein Mann?"

Und in der Tat liegt sie nun in einem Grab, ein Skelett nur noch, all ihrer Schönheit beraubt. Zwar hängt eine goldene Krone schief auf ihrem abscheulichen Schädel, doch statt der rätselhaften Augen sind da tiefe Löcher, und im halb geöffneten Mund steckt eine Goldmünze, das Fährgeld, um über den Totenfluss zu kommen. Warum nur hat es der Fährmann verschmäht? Warum? Weil sie Ereschkigal anbetet und nicht Hades, wie es sich für eine Syrerin geziemt?

"He!", jemand stößt die Zusammengesunkene an. "Bist du bei diesem Höllenlärm etwa eingeschlafen? Steh' endlich auf! Die Soldaten von Salmanassar haben die Burg erobert und die Baktrier geschlagen!"

Verwirrt richtet sich Semiramis auf.
"Mir träumte von meinem Untergang. Entsetzlich! Und Charon, der Fährmann, weigerte sich, mich über den Styx zu bringen."

Ninlil-hasina lacht:
"Was verlangt dir auch nach einem griechischen Fährmann, schickt doch der König von Assyrien nach dir!" Sie hält inne und ihr Blick geht in weite Ferne, kommt zurück und Ninlil-hasina setzt hinzu:
"Mag sein, dass dein Ende bald kommt - übermorgen, vielleicht auch schon morgen, aber heute, heute noch wirst du die Braut von Schamschi-adad werden, dem zukünftigen König Assyriens."

Zur Entstehung dieser Erzählung:

Die Autorin Jutta Schöps-Körber schrieb die Erzählung "Verschmähtes Fährgeld" aufgrund eines Fernsehberichtes über Grabungen in Afghanistan nieder. Ein Grabungsteam war auf eine frühgeschichtliche Begräbnisstätte gestoßen - und auf Gebeine, die über und über mit Gold bedeckt waren. In Grab dieser Toten befand sich eine Krone, die sich zusammenfalten lässt, sowie im Mund des Leichnams eine Münze - nach griechischer Sitte wird so die Fahrt über den Totenfluss bezahlt. Diese Tatsachen übertrug die Autorin auf Semiramis, die bemerkenswerte Königin Assyriens (9. Jahrh. v. Chr.), die Baktrien, das heutige Afghanistan, erobert haben soll.

© Erzählung "Verschmähtes Fährgeld": Jutta Schöps-Körber. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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