Online-Liebesglück ohne PeinlichkeitenBetrachtungen von Heidrun Musser |
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Aufgewachsen in den Sechzigern, blieb mir, als ich mich für das andere Geschlecht zu interessieren begann, nur der allgemein bekannte, konventionelle Weg. Das hieß in unserer Stadt: Der Kiosk am Bahnhof, oder die Disco. Ich habe jahrelang ohne Fernseher, Telefon, Internet oder Handy existiert. Dieser gravierende Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten war mir damals einfach nicht bewusst. Ich hatte gelernt zu Lesen und mit einem Stift Buchstaben auf Papier zu schreiben. Da sich daraus sinnvolle Worte ergaben, habe ich sie aneinandergereiht und als Brief betrachtet. Auch hatte ich stets ein paar Zehnpfennigstücke in meinem Geldbeutel, um von einer der gelben Telefonzellen aus telefonieren zu können. Größere Strecken habe ich nicht mit dem eigenen Auto, sondern mit dem Bus oder per Anhalter zurückgelegt. Auf diese Weise habe ich viele Jungs kennen gelernt.
Sicher kann man auch dort, genau so wie in einer Disco, oder im guten alten Brief, falsche Angaben machen. Der Vorteil ist aber, dass mir mein potentieller Partner beim Schummeln erst gegenüber sitzt, wenn ich ihn lange genug analysiert habe. Schließlich soll der erste Schritt nicht in einer Katastrophe enden. Wir sind modern, und virtuell aufgeklärt. Und wer will schon gerne "die Katze im Sack kaufen"?
Natürlich könnte ich auch immer noch über eine Zeitungsanzeige nach meinem "Traumpartner" suchen. Ein junggebl. Witwer, Mitte 70, NR, der eine nett häusl. Sie mit Interesse an Haus und Garten sucht, und es gerne sehen würde, wenn "Sie" einen Führerschein hätte, ist relativ leicht einzuschätzen. Er braucht für die kommenden Jahre eine Altenpflegerin. Ein weibliches Fossil mit Lebenserfahrung, so wie ich, würde nicht auf diese Anzeige antworten. Außerdem sind das Auswerten der Zuschriften und die eventuell darauf folgenden Treffen zeitraubend. Wenn ich im Internet jette, kann ich mich mit ungewaschenen Haaren, ohne Schminke, und im geblümten Schlafanzug an den Computer setzen. An den Füßen habe ich die mit Liebe gestrickten Socken, und die warmen Pantoffeln von meiner Großmutter. Neben mir steht ein Schälchen mit Müsli und ein Glas Wein. Ich kann mich gehen lassen und meine Vorlieben pflegen. Keiner sieht mich. Das stundenlange Kramen im Kleiderschrank für den Besuch eines peinlichen Tanzlokals für "Ältere Singles" entfällt. Auch den Anblick meiner Knollennase und meine verzweifelten Schminkversuche kann ich mir ersparen. Ich bekomme keine feuchten Hände mehr vor Aufregung. Und ich stehe nicht stundenlang am Fenster, um verzweifelt Ausschau zu halten nach dem "roten Auto", mit dem "Er" kommen wollte. Mein Herz klopft nicht mehr laut und heftig beim Klingeln des Telefons, und ich bin auch nicht enttäuscht darüber, dass "Er" nicht anruft, sondern meine Freundin. Schließlich ist "Er" nur eine virtuelle Vision. Auch die Frage, woher das Kribbeln im Bauch kommt, hat die Wissenschaft ausführlich erklärt. Wir wissen heute, es sind die Hormone. Vor vier Wochen ist mein Profil von einer mathematischen Suchfunktion erfasst worden. Damit kann es mit dem Präferenzen der übrigen Singles auf Partnersuche verglichen werden. Wenn zwei Eingaben übereinstimmen, bedeutet das hundert Punkte für den Suchenden. Dann darf ich per E-Mail oder Chat Kontakt aufnehmen. Seit drei Wochen sitze ich nun jeden Abend am Computer. Die einzige Übereinstimmung, die ich bis jetzt gefunden habe, ist das Alter. Meine Großmutter, die keine Ahnung von der modernen Partnersuche hat, beobachtet mich mit Sorge. Da wir im selben Haus wohnen, hat sie reichlich Gelegenheit dazu. Als sie mich gestern wieder, versunken in meiner virtuellen Welt, dasitzen sah, stemmte sie die Hände in die Hüften, stellte sich breitbeinig vor den Computer und sagte: "Lass das, und such dir einen Mann." Ich wagte nicht, zu widersprechen. © Text mit freundlicher Genehmigung von Heidrun Musser für Pressenet Zur Autorenseite von Heidrun Musser Lesen Sie auch Sankt Martin und die Mantelteilung
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