Der Wahlsonntag und das Schweigen der Leere

Die Angst des Politikers vor der Unerbittlichkeit des Volkes

Der Wahlsonntag

Bierlicher schnauzte seine Frau an, weil sie nicht in der Lage war, ihm den Krawattenknoten zu binden. Er schob ihre vor Aufregung zitternden Hände zur Seite und stürmte in das Schlafzimmer, um die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Mit absolutem Missvergnügen besah er sich beim Binden den kleinen Schnitt, der sein Kinn verunzierte. An einem Tag wie heute wäre er gerne völlig glatt erschienen, ohne eine Beeinträchtigung. Erfolgreiche Männer schnitten sich nicht beim Rasieren.

Es war noch früh, die Wahllokale hatten noch nicht geöffnet, aber selbstverständlich war man im Hause Bierlicher schon längst wach. Noch blieb das Telefon stumm und die Sekretärinnen nebst Stab waren noch nicht an ihren Terminals, noch war die Sonne nicht völlig aufgegangen. Bierlicher nestelte immer noch an der silbergrau gestreiften Krawatte, wedelte ungeduldig mit der Hand, weil seine Frau schon wieder um ihn herumgluckte und halbherzig über seine Hemdbrust strich, den mittlerweile perfekt symmetrischen doppelten Windsorknoten ängstlich vermeidend. Sie sah zerzaust und nervös aus, aber Bierlicher dachte mit Befriedigung daran, dass seine Frau gegen acht Uhr aussehen würde, wie sich das für die Gattin des führenden Lokalpolitikers gehörte. In diesen Dingen konnte er sich auf sie verlassen, sie war die perfekte Dekoration für den Mann der Stunde. Sie wusste, was sie wann zu sagen und wann sie lächelnd zu schweigen hatte. Perfekt.

Er scheuchte sie aus dem Schlafzimmer und besah sich in dem großen ovalen Spiegel, den er speziell für sich nutzte. Mit zurückgenommenen Schultern legte er den Kopf ein wenig schief, hielt ihn dabei leicht gesenkt und lächelte mit einer hochgezogenen Braue. Das sah souverän aus, überlegen und auch ein klein wenig schneidig. Diese Pose hatte ihn viel Übung gekostet, aber er beherrschte sie jetzt so, als wäre sie ihm angeboren. Dann streckte er die Hand aus, um einer fiktiven Person die Hand zu schütteln und dabei stolz und auch teilnehmend auszusehen. Diese neue Rolle hatte er in den letzten vier Wochen eingeübt, er nannte das "Siegerzerknirschung". Es sollte nicht gönnerhaft aussehen, meinte sein Berater, wenn er dem unterlegenen Kandidaten die Hand geben würde. Diesen Moment träumte er sich immer wieder zurecht, in jeder freien Sekunde dachte er daran. Er hatte es, verdammt nochmal, verdient, nach der ganzen Arbeit, die er geleistet hatte.

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Draußen war es richtig hell geworden, das konnte er durch die zugezogenen Gardinen erkennen, aber er machte die Deckenlampe noch nicht aus - es gab genau die Atmosphäre, die er brauchte. Bierlicher spielte vor dem Spiegel sein ganzes beachtliches Repertoire durch. Er wechselte mühelos von Pose zu Pose, nur die Betroffenheit machte ihm nach wie vor Schwierigkeiten. Es gelang ihm nicht so, wie er es sich vorstellte - sein Berater meinte, er solle vermeiden, die Stirn dabei zu sehr in Falten zu legen. Es lag ihm nichts daran - wahrscheinlich war das der Grund, wieso ihm das nicht so recht gelingen wollte. Wer brauchte schon Betroffenheit - er hatte das Image des harten Kerls mit weichem Kern und erfrischendem Humor aufgebaut. Die Wähler mochten das - die weinerliche Chose überließ er den anderen. Die verdammten Quotenweiber heulten für zwei, wenn irgendwas passierte, das sowieso niemand hätte verhindern können.

Politik war nichts für Erbsenzähler, schließlich gab es immer Späne beim Hobeln ... aber das durfte man natürlich nicht sagen. Man hatte "betroffen" zu sein, wenn ein blöder Spatz vom Himmel fiel oder irgendein Alibaba jemandem in die Faust rannte. Aber das sollte heute bestimmt nicht seine Sorge sein, heute war sein Tag. Bierlicher betrachtete seine Partei als nicht besonders wichtig für sich als Person, er verkörperte nicht die Ziele seiner Fraktion, sondern einzig und allein seine eigene Präsenz. Die Statuten und Ziele waren ihm vage angenehm, aber es war ihm nicht darauf angekommen. Es hatte nur besser gepasst als die anderen Möglichkeiten.

Der weitere Morgen verlief ruhig, vielleicht zu ruhig. Frau Bierlicher sah erfreulich elegant und für ihr Alter sehr attraktiv aus, sie kümmerte sich um die Mitarbeiter und hatte die richtige Mischung aus Mütterlichkeit und Grande Dame aufgelegt. Der erwartete Andrang an den Wahllokalen blieb erst einmal aus, Bierlicher war leicht nervös. Sein Pressesprecher meinte, dass es wohl die Ruhe vor dem Sturm wäre und der Tag wäre wohl noch für viele Überraschungen gut. Bierlicher hatte sich gegen die Anwesenheit in der Öffentlichkeit entschieden. Die Schweinetouren durch das Land hatten ihm erst einmal genügt - wen er jetzt noch nicht "hatte", den kriegte er auch nicht, wenn er die Leute anlächelte, bevor sie ihren Zettel einwarfen.

Bierlicher hatte sich in das Rathaus begeben und saß mit dem Stab vor den Monitoren, die man im Sitzungssaal installiert hatte. Er sah das gelassen, aber als es halb neun geworden war und die Straßen der Stadt so leer waren - wie an jedem gewöhnlichen Sonntag - wurde er ein wenig nervös. Etwas stimmte da nicht, das sagte ihm sein Instinkt. Die Übertragungswagen zeigten leere Straßen und leere Wahllokale - das blieb auch so, als geöffnet wurde. Niemand, wirklich niemand zeigte sich in den Straßen und niemand kam zu den Urnen. Es war, als hätten die Leute vergessen, dass Wahltag war.

Dann gingen Meldungen ein, verrückte Meldungen und noch verrücktere Bilder. Plötzlich füllten sich die Straßen mit Menschen, so als hätten sie sich abgesprochen. Ein Strom von Bürgern bewegte sich auf die jeweiligen Wahllokale zu, schweigend und zielstrebig. Bierlicher wurde der Kragen zu eng, er legte die Pose der "ruhigen und überlegenen Abwartung" an. Diese Anstrengung (er hatte mittlerweile erbärmliche Angst) war völlig umsonst, denn die Stimmen der Berichterstatter überschlugen sich und die Kameras zeigten in rascher Folge immer die gleichen Bilder, aus allen Städten des Landes.

Menschen, die ihre Kinder und einige sogar ihre Hunde dabei hatten, versammelten sich vor den Wahlorten und schauten schweigend in die Kameras. Keiner machte Anstalten, das zu tun, was er hätte tun sollen, jeder einzelne schaute schweigend zu den Journalisten hin. Vorgehaltene Mikrofone wurden freundlich aber doch bestimmt weggeschoben, niemand sprach ein Wort. Niemand achtete auf Bierlicher, die ungeheure Nachrichtenmaschine wurde zum Selbstzweck. Es ging nicht mehr um ihn und es ging nicht mehr um die Parteien.

Die Sender waren in Aufruhr, Politiker führten hastige Gespräche, der Äther schwirrte geradezu. Und zu den hektischen Worten der Journalisten sah die Welt diese Bilder der stummen ruhigen Menschen, die sich in den Straßen der Städte und Dörfer versammelt hatten, um zu schweigen - zum ersten Mal zu schweigen. Nicht das Schweigen der Leere, sondern das der Verweigerung. Das der Unerbittlichkeit.

Bierlicher wollte schreien, wollte auffahren und blieb wie gefesselt auf seinem Stuhl sitzen. Über ihn senkte sich Dunkelheit, eine Glocke schlug an und er setzte sich schlagartig auf. Bierlicher ließ seine schreckgeweiteten Augen im dunklen Schlafzimmer umherschweifen, schwer atmend und mit dem Traum ringend. Ein Blick auf den digitalen Wecker zeigte eine Stunde nach Mitternacht - die erste Stunde des Wahlsonntags. Wahlsonntag

Hinweis: Diese Geschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden, verstorbenen oder aufgeschreckten Personen wäre zufällig und unbeabsichtigt.

© "Der Wahlsonntag und das Schweigen der Leere" - eine Geschichte von , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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