Thema Weiterbildung: Wohin fließen denn die Kursgelder?

Szenen aus dem Hartzer Land - Teil VII

Papierkrieg

"Hab ich Überraschung, bin ich in Maßnahme", sagt Ludmilla und lacht dabei. Ihre Freunde vom letzten Lehrgang des IB finden das nicht komisch, denn sie haben Ludmilla vor etwa fünf Monaten kennen gelernt - bei einer Maßnahme, die ein Vierteljahr dauerte. Und jetzt ist Ludmilla schon wieder dabei - obwohl sie mittlerweile einen Minijob hat. Das hört sich nicht nach besonders viel an, aber sie ist weit über die Fünfzig und spricht nicht wirklich gut deutsch. Sie hatte also Glück. Da sie aber keinen Vollzeitjob hat, muss sie auch wieder zur Schulung des Internationalen Bundes, wenn sie hingeschickt wird.

Ludmilla erzählt, dass sie erst ab 11 Uhr hinkommen kann, wegen ihrer Arbeit, und dass viele andere auch erst später kommen, aus dem gleichen Grund. Ihre Freunde schauen sich an - sie wissen, dass es nicht allzu lange dauert, bis sie selber wieder einen "Stellungsbefehl" haben werden. Dazu muss man wissen, dass so eine Maßnahme bedeutet, dass man ein wenig geschult wird in Sachen "Bewerbungen schreiben" und dass Gastdozenten Vorträge über allgemein interessante Themen halten. Man kann kostenlos die Bewerbungen verschicken, erhält auch das Material, und wer noch keine Ahnung hat, lernt zumindest, wie man eine am PC schreibt. Wobei aber gesagt werden muss, dass es sich NICHT um Computerkurse handelt; diese gab es zwar früher bei anderen Anbietern, aber jetzt wurden sie mangels Interesse eingestellt. Das klingt seltsam, denn viele wünschen sich einen fundierten Kurs.

Wie auch immer, drei Monate lang dauert solch eine "Weiterbildungs-Maßnahme", und es werden tatsächlich sogar Leute vermittelt. Dass es sich dabei meist um befristete Jobs oder um solche bei Zeitarbeitsfirmen handelt, lassen wir einmal außen vor. Solange dieses "System" andauert, sieht es gut aus für den IB, und alle sind zufrieden. Dieses Schicksal trifft allerdings nicht viele Kursteilnehmer, die meisten schreiben dann ihre Bewerbungen zuhause weiter, wie vorher auch. Die Frage ist nun, wieso man eigentlich immer wieder dieselben Leute in die nicht gerade billigen Maßnahmen schickt - und wieso so kurz hintereinander? Manche Teilnehmer haben das schon dreimal oder sogar mehr mitgemacht - ohne Resultat. Liegt es daran, dass es nicht eben einfach ist, so jenseits der fünfzig?

Manche können nicht mehr in die Maßnahmen gesteckt werden, weil sie zu krank dafür sind - so wie Vicky. Sie hatte sich drei Monate lang mit Schmerzmitteln geradezu gedopt, um das lange Sitzen zu ertragen. Jetzt hat man Arthrose und eine völlig kaputte Wirbelsäule bei ihr festgestellt, und sie ist raus. Zugezogen hat sie sich das auf ihrem letzten Arbeitsplatz, wo sie jahrelang viel zu schwer heben musste. So oder ähnlich geht es vielen - aber die allermeisten sitzen eben wieder nach einer relativ kurzen Pause in den Schulungsräumen. Wenn man das Programm aber schon einmal mitgemacht hat, kommt kaum noch Interesse auf. Man ist anwesend, aber nicht mehr dabei - und die Bewerbungen sind auch nicht erfolgreicher als in der Runde davor. Auch dann nicht, wenn sie stilistisch auf dem allerneuesten Stand sind.

Es wäre wahrscheinlich lohnender für alle, wenn neue Leute aus den Lehrgängen Nutzen ziehen könnten. Viele sind nicht mehr so sattelfest, was die neuen Formate betrifft oder haben noch nie an einem Computer gearbeitet. Nur - auch in diesem Falle sind drei teure Monate übertrieben. Ein Monat würde völlig ausreichen - dafür könnte man die Maßnahme in Vollzeit machen, wenn es denn sein müsste. Die Fahrtkosten werden voll erstattet, aber darüber hinaus braucht man doch etwas mehr als sonst. Es gibt nicht einmal eine winzige Mehrkostenaufwandsentschädigung für das Hetzen vom Putzjob zu den Schulungsräumen.

Viele haben auch Familie oder pflegen einen Angehörigen, wie zum Beispiel Heidi - es ist für viele sehr stressig. Und warum für immer dieselben kaum vermittelbaren Leute die Maßnahme bezahlt wird, wo es weitaus mehr Bezieher von Hartz 4 über fünfzig gibt, ist ein Rätsel, das noch niemand zu deuten wusste. Oder sollte es etwas mit der Statistik zu tun haben? Oder auch schlichtweg mit der Notwendigkeit, die Gelder für Anbieter von Maßnahmen weiter fließen zu lassen? Wer weiß ...

Diese Fälle sind nicht fiktiv - die Personen auch nicht. Dies ist nur ein kleiner Abriss aus dem schönen "Hartz".

© "Thema Weiterbildung: Wohin fließen denn die Kursgelder?" - ein Beitrag von ; Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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