Persiluhr - Kein Grund die Hoffnung aufzugeben

Kurzgeschichte von Berthold Zimmerer

Zeiger der Turmuhr

An der Persiluhr ist damals die Sache zu Ende gegangen. Das ist mir eingefallen in jener Oktobernacht. Nach der Kneipe bin ich in die Stadtmitte geschwommen als letzter und einziger Spätwanderer. Ich habe versucht, den Nebel in meinem Kopf loszuwerden, den Rauch in der Kehle zu mildern.

Dann bin ich auf die Persiluhr gestoßen, auf die Frau mit den strahlend weißen Kleidern, auf das ausgezogene "S" beim PerSil. Ein sonderbares synthetisches Grün war an ihr. Die ersten LKWs sind vorbeigefahren, Gemüse zum Markt, und ich habe mir gedacht, was wäre wenn einer hinten in der Ladepritsche säße, so ein stiller Revolutionär. Aber die Zeiten waren nicht danach. Revolutionäre kommen in Deutschland nicht von unten. Revolutionen werden von oben angeordnet.

Die Normaluhr zeigte viertel nach fünf und dann ist mir die Geschichte eingefallen, die mich mit der Persiluhr verbindet.

Ich hatte eben den zweiten Monat im Krankenhaus hinter mir. Ich hatte mich eingewöhnt und war bei jeder Dummheit dabei, sofern sie nicht übertrieben war. Wegen des Fernsehers, den ich im Zimmer hatte legten sie eine Frau vom Nebenzimmer herein. Sie lag im Bett und sagte nichts. Der TV Apparat hat drei Tage lang spektakelt. Dann habe ich sie gefragt, warum sie nicht spricht. "Was soll ich sagen?" fragte sie.

Inzwischen kamen immer mehr Menschen zu meinem Gerät und manchmal ging die Unterhaltung von alleine gut, so dass man die Flimmerkiste ausschalten konnte. Aber die von nebenan sagte immer noch kein Wort. Sie sei durch eine Scheibe geflogen bei einem Aufprall, verriet uns die Schwester. Autounfall, etliche Knochen gebrochen. Aber eine nette Auswahl hatte ich auch vorzuweisen. Kein Mensch konnte mir zu diesem Zeitpunkt sagen, ob mein Bein wieder heil werden würde. Es muss werden, sagte ich mir. Vorbei mit Depressionen und Alleszuspät, ich wollte es glauben. Diesen trotzigen Optimismus wollte ich auf die Frau übertragen. "Du hast es gut", sagte sie, als sie endlich den Mund aufmachte. "Wenn ich rauskomme und kann nicht mehr richtig gehen, dann kriege ich doch nie einen Mann." "Mach doch keine Sachen", sagte ich hilflos. Irgendwie begriff ich, um was es ihr ging.

Raus aus dem Nähsaal, Braut, Mutter sein, versorgt sein. Diesen guten alten illusorischen Weg der Frauen gehen die glauben mit der Hochzeit ist alles gelaufen. Nun der Unfall, und jetzt war alles gefährdet. Vielleicht gab's für sie nur noch den Nähsaal. So sind wir doch noch zum reden gekommen.

Und sie hat mich gefragt, ob ich nicht heiraten will. Und ich habe gesagt, nicht bis ans Ende meiner Tage.

Irgendwann ist sie dann entlassen worden. Erst als sie weg war, habe ich begriffen, dass ich gerne der Mann gewesen wäre den sie suchte. Natürlich suchte sie nicht mich und nicht meinesgleichen. Aber vielleicht konnte man ihr das erklären. Übers Wochenende durfte ich nach Hause. Kumpels brachten mich zu ihr. Fast jeden Tag habe ich sie angerufen. Dann gab es da die Geschichte mit dem Häuschen, ein Häuschen im Garten für sie allein. Ich sagte, der Vermieter muss das genehmigen. Der Vermieter erlaubte es oder auch nicht. Ich besorgte ihr Planen, um das Häuschen oben zuzudecken.

Morgens zehn vor sechs, Persiluhr, ticktack ein schwarzer Zeiger springt weiter. Ich sollte endlich nach Hause gehen.

Dann war sie weg. Ich habe angerufen, sie war mit ihrem Freund übers Wochenende verreist. Ich stand da und kam mir sehr dumm vor. Später hat mir die Schwester gesagt, sie sei wieder da. Schlaftablettenvergiftung. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob mich das etwas angeht. Auch noch Liebeskummer ... in meiner Lage ... Aber dann bin ich doch wieder zu ihr gegangen. "Was machst du denn jetzt wieder?" Habe ich überflüssigerweise gefragt. "Ich habe zu wenig Tabletten genommen", antwortete sie. "Es gibt nie einen Grund, die Hoffnung aufzugeben", sagte ich.

"Ich habe nur zu wenig Schlaftabletten genommen", sagte sie trotzig. "Es ist nur weil du Angst hast, dass du diesen Freund nicht halten kannst", habe ich ihr vorgeworfen. Sie hat nur ihre porzellanblauen Augen aufgerissen. Da fuhr ich endgültig aus der Haut und sagte ihr sie soll doch Tabletten essen soviel sie will. Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Sie hat mich wieder mit diesen porzellanblauen Augen angesehen und gesagt: "Wenn du der letzte Mann auf Erden wärest, würde ich dich auch nicht heiraten."

Es gab noch ein paar turbulente Tage, dann habe ich die mit dem großen Maul kennengelernt. Sie war mir bald schon vertraut, so vertraut, dass ich mich heute noch frage, was ich in ihr versäumt habe. Die mit dem großen Maul sagte: "Das ist einfach so ein Mauerblümchen. Das gibt nichts. Du bist doch kein Mauerblümchen." Die mit dem großen Maul schrieb mir großmäulige Briefe aus der Klinik, in die man sie verlegt hatte. Und ich habe die mit den Schlaftabletten nur ein einziges Mal wiedergesehen.

Das war hier vor dieser Persiluhr. Die Klinikautos halten hier um die Patienten vom Bewegungsbad ins Krankenhaus zu bringen. Wir standen einander gegenüber in dicken Mänteln und mit Krücken. Die Persiluhr hat ihr unnatürliches Grün durch das Grauweiß der fallenden Schneeflocken geschickt.

Ein rostroter Sonnenuntergang war über den Dächern und grauweiße Qualmwolken kamen aus den Schornsteinen. Eines der Autos kam und ich sagte: "Bitte", und sie stieg ein. Gleich danach kam noch so ein Auto. Ich hätte nicht gewußt, was ich sonst hätte sagen oder tun sollen.

© "Persiluhr" - eine Kurzgeschichte von Berthold Zimmerer; mit freundlicher Genehmigung von Heidrun Böhm; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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