Der Prozess - Nur eine interessante Inszenierung?

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Dezember 2009. Gerade läuft der vielleicht letzte Kriegsverbrecher-Prozess in publikumswirksamer Inszenierung ab und macht aus uns Zeitzeugen. Der fast neunzigjährige Angeklagte John Demjanjuk wohnt der Verhandlung in stoischer Unbeweglichkeit und ebensolchem Schweigen bei.

Die Medien sind voll von Beiträgen zu den Verbrechen in der Zeit des Dritten Reiches und auch über die Täter. Erwiesen ist eigentlich nur die Rolle des Angeklagten als Angehöriger des Wachpersonals - inwieweit freiwillig, wird man vermutlich nicht eindeutig feststellen können.

Im Internet und auch auf den Leserbriefseiten der Zeitungen wird erbittert darüber diskutiert, ob John Demjanjuk nun als Täter oder als Opfer angesehen werden sollte. Einige führen die Lage der deutschen Kriegsgefangenen ins Feld, die in den Lagern unter schlimmsten Umständen vegetierten - obwohl es dazu auch verschiedene Erfahrungsberichte gibt.

Aber man kann Grausamkeit und Hass auf keinen Fall so aufrechnen, dass am Schluss ein sauberer Strich unter eine Rechnung gezogen werden kann. Das funktioniert so nicht, und erinnert irgendwie an raufende Kinder auf dem Schulhof. Der da hat angefangen und die hat mit Steinen geworfen, und dann haben wir getreten und so weiter und so fort. Diese Art der Diskussion zeugt nicht gerade von überwältigender Reife.

Die Verbrechen, die in einem Krieg begangen werden, sind selten einer einzigen Seite zuzuschreiben, denn es gibt immer auf jeder Seite Menschen, die einen Krieg als willkommenen Grund zur Grausamkeit begrüßen. Außerdem ist Krieg an sich ein Verbrechen gegen alle Menschlichkeit. Sollte sich eine Seite auf die Verteidigung berufen können, kann auch da unnötige Grausamkeit nicht damit begründet werden. Das gilt für die russischen Lager ebenso wie für die deutschen oder sonstigen.

Viele beziehen sich auch auf die Mittäterschaft von KZ-Häftlingen, was die Massenmorde betrifft, aber auch das greift da nicht wirklich, denn unter tödlichem Zwang und Todesangst tut mancher Dinge, die er vorher nicht für möglich gehalten hätte. Zudem beinhaltet das Interniertsein im Lager nicht zwangsläufig, dass man ein guter Mensch ist. Wie wir wissen, haben viele der deportierten - und den entsetzlichen Grausamkeiten der Lager ausgelieferten - Mediziner direkt nach Kriegsende ihre Arbeit mit den Tierversuchen wieder aufgenommen. Das mutet wohl sonderbar an und muss nicht weiter ausgeführt werden. Jeder mache sich da seine Gedanken.

John Demjanjuk hat nicht unter Zwang gehandelt, das ist einigermaßen sicher. Doch verweisen viele empört auf sein hohes Alter. Nun, könnte da mancher sagen, viele Menschen über achtzig mussten, nachdem sie lange Zeit geschlagen wurden und gehungert hatten, den letzten Gang in die Gaskammer antreten. Das Alter des Angeklagten kann hier kein Argument sein. Auch nicht seine Krankheit, denn auf das Befinden der damaligen Opfer wurde keine Rücksicht genommen. Aber aufrechnen wollten wir ja nicht. Keine Gleichung der Welt kann da eine saubere Rechnung liefern. Trotzdem kursieren Videos, in denen John Demjanjuk vor gar nicht langer Zeit einen sehr agilen und recht gesunden Eindruck macht, wobei man zugeben muss, dass sich dies zuweilen schnell ändern kann.

Tatsache ist aber, dass die Anwälte des Angeklagten ihn mit allen Mitteln zum Opfer machen wollten, und dass ihnen das niemand so richtig abnimmt. Das Auftreten des reglosen Mannes mit der schwarzen Kleidung auf der Bahre sieht ziemlich stark nach Kintopp aus, vielleicht benutzt er einen konstruierten Autismus, um die Verhandlung nicht in seine eigene Realität einzulassen.

Nach Meinung mancher, die den Prozess verfolgen, würde er vielleicht über die Zeit gesprochen haben, in der er die deutsche Uniform trug. Vielleicht hätte er etwas erklären können, wenn man ihn gezwungen hätte. Er hätte sogar sagen können, dass er nach den damals geltenden Gesetzen kein Unrechtsbewusstsein haben konnte - dies hat schon einmal ganz gut funktioniert: nach dem Mauerfall.

Demjanjuks hartes Schweigen lässt den Gedanken an wirkliche Unschuld nicht so recht aufkommen. Viele fragen sich zudem, wieso andere Angeklagte - in ähnlichen Prozessen, denen man sehr viel mehr nachweisen konnte - freigesprochen wurden. Diese Angeklagten hätten mehr Zeit vor sich gehabt, um über ihre Schuld nachzudenken. Und man könnte sich auch fragen, wieso hier das Gesetz mit aller Härte zuschlägt und man sich sonst so schwer tut mit der Verurteilung der ewig Gestrigen, unter deren Tritten Menschen sterben und zum Krüppel werden, weil sie einen anderen Pass haben. Der Ruf "wehret den Anfängen" verhallte ungehört, denn der Rechtsextremismus steht lange nicht mehr am Anfang. Und John Demjanjuks Anfänge liegen sehr weit zurück.

Es kann kaum mehr nachvollzogen werden, was in seinem Leben geschah, das ihn letztendlich vor Gericht brachte. Was ihn dazu brachte, das zu tun, was er getan hat. Ein Bauernopfer, wie manche sagen, ist er nicht. Für unschuldig kann er nicht gelten. Und die Aussagen der Überlebenden und der Familienangehörigen von Opfern sollten vor allem eines bewirken: dass alle Mittel und alle Kraft dafür aufgewendet werden müssen, dass so etwas nie wieder geschieht. Nicht in diesem Land, und auch nicht in einem anderen.

Ob John Demjanjuk nun verurteilt wird oder nicht, die vordringlichste Aufgabe liegt in der Bekämpfung des neuen Rechtsextremismus. Der Angeklagte hatte nach dem Krieg kein schlechtes Leben - er hatte die Zeit, die den Opfern des Dritten Reiches mit seiner Hilfe genommen wurde. Jede Strafe wird wohl nicht wirklich eine sein, dazu ist es nun zu spät. So kann der Prozess nur als Zeichen gelten, dass nicht vergessen werden wird.

Abschließend könnte noch gesagt werden, dass niemals etwas nur schwarz oder weiß ist - auch nicht im Krieg und auch nicht in einem Lager. Aber trotzdem muss eindeutig Stellung bezogen werden, denn nicht auf jede Abstufung von Grau kann Rücksicht genommen werden. So gesehen hält sich das Mitleid mit dem Angeklagten in Grenzen - hinterfragt werden sollte lediglich die Art und Weise, wie diese Verhandlung benutzt wird. PR

© "Der Prozess: Nur eine interessante Inszenierung?" - ein Textbeitrag von , 2010.

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