Malcolm: Ein paar Augen mehr

Erzählung - Teil XI

Malcolm: Junge auf dem Waldweg

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Teil X:
Der geheimnisvolle Waldpfad

Worum es bei dem Geschrei ging, konnte Mal nicht verstehen - aber dann drehten sich alle Jungs um und starrten direkt in den Wald hinein, wo Mal noch immer wie betäubt mitten auf dem Pfädchen stand und sich nicht erklären konnte, wieso das so war.

Die Vier starrten geradezu einige Sekunden lang zu Mal hin, dann drehten sie sich fast gleichzeitig um und gingen auf dem Weg, der Mal an die Kreuzung gebracht hatte, davon.

"Sie haben mich nicht gesehen", flüsterte Mal. "Aber das gibt es doch gar nicht." Sie waren so nahe gewesen, dass Mal ihre Gesichter gut hatte sehen können. Sie konnten ihn doch nicht übersehen haben. Oder doch?

Zögernd setzte sich Mal in Bewegung. Er ging langsam auf den hellen Weg zu, der in den sogenannten "Kreutzerbruch" und links ab in das Städtchen führte. Dabei drehte er sich mehrere Male um und folgte dem Pfad mit den Augen. Es gab nicht viel zu sehen, denn nach etwa fünfzig Metern machte der kleine Weg eine Biegung. So wie das bei dem anderen Weg auch war. Obwohl er ein sonderbares Gefühl zwischen den Schulterblättern verspürte, hatte es Mal gar nicht so eilig, den Wald zu verlassen.

Es lag vielleicht am Duft, oder auch an den Vögeln, die er auf einmal wahrnahm. Also ihre Stimmen. Ein Klopfen hallte durch die Bäume, ein rhythmisches Klopfen, das ein winziges Echo hatte. "Ein Specht", sagte Mal laut, denn ihm kam eine lang vergangene Biologiestunde in den Sinn. Es hörte sich irgendwie schön an, fand er.

Und dann tat Malcolm etwas sehr Mutiges: er gestand sich ein, dass dieser Wald weitaus mehr ein Wald war, als die zusammengepferchten Bäume, die in Berlin als Wäldchen durchgingen. Also jedenfalls die, die er kannte. Hier lagen keine Dinge herum, keine Dosen oder Taschentücher oder sonst ein Müll. Man hörte nichts außer den Vögeln, und es war, als hätte man eine völlig durchsichtige, grüne und weiche Watte um den Körper gewickelt. Die Rinde der Bäume sah aus, als hätte man sie von Hand in Furchen geschnitzt.

Malcolm Strattner erkannte sich überhaupt nicht wieder. Solche Dinge entgingen ihm normalerweise. Aber hier war es, als hätte er auf einmal ein paar Augen mehr bekommen.

Als er den Waldrand erreicht hatte, schrak er ein wenig zusammen und fröstelte ein klein wenig. Seine Uhr sagte ihm, dass es längst nach Mittag war. Großartig. Mam würde sicher begeistert sein. Und dann traf ihn wie ein Schlag in den Magen die Tatsache, dass er ein verdammtes Glück gehabt hatte. Schließlich stand er hier völlig unverletzt auf seinen Beinen und konnte nach Hause gehen. Nicht in ein Krankenhaus.

Malcolm zog die Schultern ein wenig hoch und drehte sich ein letztes Mal um. "Ich komme wieder", sagte er leise. Und er fragte sich nicht einmal, ob er es zu sich oder zu diesem unglaublichen Wald gesagt hatte.

Zudem musste der Kreutzerbruch auch untersucht werden. Allerdings nur sehr vorsichtig. Denn jetzt war klar, wo man die "Unglaublichen Vier" finden konnte. Mal beschloss, seine freien Tage dafür zu opfern. Das würde auf jeden Teil sicherer sein, denn es waren ja keine Schulferien. Wenn man auch höllisch aufpassen musste, wie der Tag heute gezeigt hatte.

Lesen Sie auch den 12. Teil Das Leben auf den Kopf gestellt

© "Malcolm: Ein paar Augen mehr" - eine Erzählung von , 2017. Bildnachweis: Junge auf dem Waldweg, CC0 (Public Domain Lizenz)

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