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Die 22. Ausgabe des beliebten Zwielicht-Magazins bringt 22 Geschichten sowie weitere Textbeiträge aus den Genres Horror und unheimliche Phantastik. Die Herausgeber Achim Hildebrand und Michael Schmidt haben wieder viel Herzblut in die Zusammenstellung der Beiträge gesteckt.
Aus einer dieser phantastischen Geschichten dürfen wir eine Leseprobe veröffentlichen. Die Erzählung von Adrian van Schwamen enthält Anspielungen auf die Figur der Lilith im Alten Testament. Dort wird sie als die erste Frau Adams beschrieben, die sich ihm nicht unterordnen wollte. Somit steht Lilith für weibliche Autonomie und den Widerstand gegen männlich dominierte Strukturen.
In den Fußgängerzonen der Städte gibt es zwei Sorten von Geschäften. Solche, die schon seit Jahrzehnten ihren Stammplatz besetzen und Heimkehrern das Gefühl von Vertrautheit geben. Die eine Art Kultstatus erlangt haben, der sie unter Umständen durch eine Zeit retten kann, in der sogar die alltäglichen Lebensmittel an die Haustür bestellt werden können.
Dann gibt es noch jene, die sich an den Stellen einnisten, wo die Alteingesessenen sich letztlich doch nicht halten konnten. Klamottenläden oder Drogerien, ohne Herz und Seele, und meistens schon nach kurzer Zeit wieder verschwunden und ersetzt.
Dr. Alltags Kabinett des Wunderbaren am Rande der Lüneburger Innenstadt war für Marie in gewisser Weise beides. Sie musste nach mehreren Jahren des Studiums in Hamburg feststellen, dass sie ihre Heimat wohl doch nicht mehr so gut kannte, wie sie es sich wünschen würde. Sie erinnerte sich noch an den Laden rechts daneben, ein Antiquariat, dessen schrulliger Besitzer sie immer böse angeschaut hatte, wenn sie nur zum Stöbern gekommen war. In dem Café links daneben hatte sie mal eine Verabredung mit einem Jungen, die sie retrospektiv nur ungern als ihr erstes Date bezeichnete. Doch die Ladenfront mit den prall gefüllten Schaufenstern, der grün-vergilbten Holzverkleidung und der flachen Stufe zum Eingang, die den Anschein von Dekaden der Abnutzung erweckte, war ihr gänzlich unbekannt gewesen.
Auch an diesem Tag wäre sie vermutlich daran vorbeigegangen, ohne dem Laden Beachtung zu schenken, da sie eigentlich auf dem Weg zum Bahnhof gewesen war und nicht viel Zeit zum Trödeln hatte. Dieser eine Gegenstand hatte jedoch ihre Aufmerksamkeit erhascht. Eine hölzerne Gliederpuppe, wie sie von Künstlern benutzt wurde, um sie auf Papier in Haut und Kleidung zu hüllen, stand inmitten der wie willkürlich platzierten Dinge auf einem Podest und lächelte sie gesichtslos an. Bis auf ein gewisses Alter, das sich an einer leichten Vergilbung und der ein oder anderen Kerbe abzeichnete, hatte sie eigentlich nichts Besonderes an sich, was sie von einer Neuen maßgeblich unterscheiden würde. Die Art ihrer Positionierung empfand Marie jedoch als derart lebendig, dass sie direkt vor ihrem geistigen Auge zu tanzen begann. Vorstellungen von unzähligen Bildern, die sich mit ihrer Hilfe malen ließen, projizierten sich auf das Glas zwischen ihr und dem Modell und hauchten ihm umso mehr Leben ein.
Die Entscheidung war rasch gefallen, doch Marie betrachtete noch eine Weile mit verträumtem Blick die Figur. Als sie schließlich den Laden betrat, schaute ihr ein älterer Mann hinter der Verkaufstheke freudestrahlend entgegen, als habe er sie erwartet.
"Du interessierst dich für die Gliederpuppe, nicht wahr?", fragte er. Marie brauchte einen Moment, um die ungewöhnliche Erscheinung des Mannes einordnen zu können. Sein schütteres, weißes Haar und seine dürren, mit brüchiger Haut überzogenen Hände, die er ihr mit einer ausladenden Geste entgegenhielt, ließen ihn unnatürlich alt wirken. Seine Haltung und seine Bewegungen wirkten dagegen wie die eines jungen Mannes, sein Blick war klar und aufmerksam. Das Angebot des Ladens passte zu diesem Eindruck. Ein buntes Allerlei an einzelnen Objekten, die, wie es Marie vorkam, aus mehreren Jahrhunderten stammen mussten, türmte sich auf Tischen und reihte sich in Regalen.
"Ich ... ja, woher wissen Sie das?", fragte Marie.
"Magie!", antwortete der Mann und ließ seine Finger an den ausgestreckten Händen tanzen. Nach einem Augenblick fügte er hinzu: "Außerdem habe ich nicht viel im Schaufenster, das einer jungen Dame gefallen könnte. Zudem noch einer, die an der Kunst interessiert ist."
Marie runzelte fragend ihre Stirn. ...
Unsere Leseempfehlung: (Werbelink) Das spannend-gruselige Magazin für Horror und unheimliche Phantastik ist als Taschenbuch und gebundene Ausgabe erhältlich und umfasst 368 Seiten. "Zwielicht 22" gibt es auch als E-Book im Online-Buchhandel.
Das Horrormagazin "Zwielicht 22" erschien im Sommer 2025 unter der Herausgeberschaft von Achim Hildebrand und Michael Schmidt. Das Titelbild wurde von Björn Ian Craig gestaltet. Die Innenillustrationen stammen von Adrian van Schwamen.
Diese Geschichten wurden in "Zwielicht 22" veröffentlicht:
Maximilian Wust – Tränen, Wasser und Muttermilch
Carolin Lüders – Der Renner
R.B. Russell – Loup-garou
Jo Piccol – R.B. Russell: ein Förderer der modernen unheimlichen Literatur
Corina Marin – Das größte Opfer
Uwe Durst – Das Tagebuch des Jean-Baptiste Ouvigny
D.P. Watt – Eins ist weniger als oder gleich nichts
Peter Schünemann – Der Weiße Mann
Philipp Nowotny – Lacrimosa
M.H. Steinmetz – Rapture
Uwe Voehl – Im Paternoster
Juliane Seidel – Was du im Dunkeln nicht siehst
Moritz Boltz – Der Kreisel
Erik Hauser – Die Flucht der Saugroboter
Robert F. Young – Septemberwind
A. M. Stein – Der beleibte Brautwerber und das Spukzimmer
Andrea Tillmanns – Halloween: A Samhain Pinball Adventure
Adrian van Schwamen – Lilith
Mae Ludwig – Cryptococcus neoformans
Steve Rasnic Tem – In diesen letzten Tagen des Handels
Karin Reddemann – Gib acht, Maria
Algernon Blackwood – Feuerzungen
Weitere Textbeiträge:
Karin Reddemann – Eine Geschichte: Quasimodo und die Monsterbraut
Karin Reddemann – Eine wunderschöne Frau, eine furchtbare Geschichte
Vincent-Preis 2024
Mehr Horror und Phantastik lesen: Unheimliches von Algernon Blackwood: Buchvorstellung zu "Hände des Todes".
Auf der Webseite des Herausgebers Michael Schmidt findet ihr eine Fülle an Informationen zu den Genres Horror und unheimliche Phantastik.
© Die phantastische Geschichte: Adrian van Schwamen und "Lilith": Den Herausgebern von "Zwielicht 22" sagen wir herzlichen Dank für diese Textauswahl, 01/2026.
Unsere Bücher gibt es auch im Autorenwelt-Shop!
Taschenbücher von Eleonore Radtberger sowie von Ilona E. Schwartz
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