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Unsere Welt ist nicht die einzige. Um uns herum existieren andere: Welten mit fremdartigen Gesetzen, Träumen und Gefühlen.
Der Autor Algernon Blackwood öffnet in seinen Geschichten Fenster, durch die wir einen Blick in diese Welten werfen können – und Türen, durch die wir manchmal besucht werden.
Der Sammelband "Hände des Todes" enthält 22 unheimliche Geschichten des heimlichen Altmeisters des subtilen Grauens aus den Jahren 1910 bis 1935 in deutscher Erstübersetzung.
Nach "Aileen" und "Traumpfade" ist "Hände des Todes" der dritte Sammelband mit Geschichten von Algernon Blackwood. Zusammengestellt wurden diese Geschichten vom Übersetzer und Herausgeber Achim Hildebrand. Eine Bestellmöglichkeit finden Sie nach der Leseprobe!
Er war auf dem Weg von seiner Junggesellenbude zum Club, ein Mann mittleren Alters, in leicht gebückter Haltung und mit einem strengen, doch milden Gesichtsausdruck. In den blauen Augen lag ein Leuchten und Courage, und eine leichte Andeutung von Melancholie – oder war es Resignation? – um den festen Mund. Es war früh im April, ein leichter, warmer Regen nieselte in die heraufziehende Dämmerung; aber es lag Frühling in der Luft, ein Vogel sang verzückt auf einem Alleebaum. Und das Herz des Mannes erwachte durch den Klang, denn es war der Auftakt des Jahres, und tief am westlichen Himmel hing über den Dächern Londons ein sanftfarbiges Band.
Sein Weg führte ihn an einem der großen Bahnhöfe vorbei, welche die Tore Londons seewärts öffneten; die Vögel, die bunten Wolken und der Gedanke an eine sonnige Küste, arbeiteten gleichzeitig in seinem Herzen. Diese Frühlingsbotschaften erweckten Musik in ihm. Die Musik fand indes keinen weiteren Ausdruck, als einen stillen Seufzer, so still, dass nicht einmal ein Kind, hätte er eines auf seinen starken Armen getragen, ihn hätte bemerken können. Seine Schritte beschleunigten sich, seine Gestalt streckte sich, er hob die Augen und ein neues Licht leuchtete darin. Auf dem nassen Pflaster, auf das die Straßenlaternen bereits ihr Gespinst aus mattem Gold legten, sah er, vielleicht zehn Meter vor sich, die Gestalt eines kleinen Jungen.
Aus irgendeinem Grund erregte der Junge bei ihm lebhafte Aufmerksamkeit und Interesse. Er war in Etons* gekleidet, der breite weiße Kragen arg zerknittert, der Mantel grotesk seitlich umgehängt, während unter dem ziemlich schmutzigen Strohhut sein dichtes blondes Haar in alle Richtungen hervorstand. Dieser allgemeine Anschein von Mühe und Notlage war dem Umstand geschuldet, dass der kleine Kerl sich mit einer Tasche abplagte, die offenbar bis zum Platzen vollgepackt war, zu groß und zu schwer, als dass er sie weiter als zehn Meter am Stück hätte schleppen können. Er wechselte sie von einer Hand in die andere und stellte sie immer wieder auf den Boden, wobei sie bei jeder Anstrengung gegen sein Bein rieb, so dass seine Hosenbeine sich beträchtlich über seine Stiefel hochgeschoben hatten. Er gab ein jämmerliches Bild ab.
"Ich muss ihm helfen", sagte der Mann. "Bei diesem Tempo wird er es nie schaffen. Er wird seinen Zug ans Meer verpassen." Denn sein Ziel war offensichtlich, da ein Paar hölzerne Spaten ungeschickt und lose an den Riemen der überfüllten Tasche befestigt war.
Ab und zu schaute der Bursche, der etwa zehn Jahre alt zu sein schien, zweifelnd und ängstlich nach links und rechts, als würde er jemanden erwarten – jemand der ihm half oder sich mit ihm treffen wollte. Sein Verhalten vermittelte sogar den Eindruck, als wisse er nicht genau, wohin. Der Mann beeilte sich, ihn einzuholen.
"Ich muss dem kleinen Bengel zur Hand gehen", wiederholte er für sich selbst, während er ausschritt. Er lächelte. Seine väterliche, beschützende Seite, von Natur aus stark, war berührt – vielleicht ein wenig mehr berührt, als die Sache zu rechtfertigen schien. Das Lächeln erweiterte sich zu einem fröhlichen Lachen, als er an die große vollgestopfte Tasche herantrat, die nun auf dem Pflaster stand und deren Besitzer neben ihr nach Luft schnappte und immer noch abwechselnd nach links und rechts schaute. Genau in diesem Augenblick hörte der Junge seine Schritte, drehte sich nach ihm um, und schaute ihm zum ersten Mal voll ins Gesicht – mit einem Paar großer blauer Augen die ungeniertes und glückliches Willkommen ausdrückten. ...
* Hinweis zu "Etons" = die Eton-Schuluniform
Unsere Leseempfehlung: (Werbelink) "Hände des Todes" ist als Taschenbuch und gebundene Ausgabe erhältlich und umfasst 398 Seiten. Diesen Sammelband gibt es auch als E-Book im Online-Buchhandel.
Herausgegeben wurde "Hände des Todes" von Achim Hildebrand und Michael Schmidt im September 2025. Das Titelbild ist von Björn Ian Craig. Die Innenillustrationen sind von Adrian van Schwamen.
Hände des Todes /Hands of Death (1935)
Die Sammlung des Kobolds / The Goblin's Collection (1912)
Kains Sühne / Caines Atonement (1917)
Hellseherei / Clairvoyance (1912)
Revange / Revenge (1935)
Eine ungewöhnliche Botschaft / Special Delivery (1912)
Carltons Fahrt / Carlton's Drive (1910)
Der kleine Bengel / The little beggar (1919)
Eine ägyptische Hornisse / An Egyptian Hornet (1915)
Mein ist die Rache / Vengeance is Mine (1921)
Der Mann, der auf dem Blatt spielte / The Man who played upon the Leaf (1910)
Hass auf den ersten Blick / First Hate (1920)
Das Gebet / The Prayer (1914)
Das seltsame Verschwinden eines Baronets / Strange Disappearance of a Baronet (1914)
Ruf aus dem Jenseits / The Call (1921)
Gewalt /Violence (1913)
Das Opfer / The Sacrifice (1914)
Der Mann der rückwärts lebte / The Man Who Lived Backwards (1935)
Feuerzungen / Tongues of Fire (1924)
Ein Stückchen Holz / A Bit of Wood (1917)
Der Ring des Colonels / The Colonel's Ring (1935)
Chinesische Magie/ Chinese magic (1920)
Mehr Horror und Phantastik lesen: "Die schwindelerregende Geschichte vom hohen Berg und den drei Skeletten".
Auf der Webseite des Herausgebers Michael Schmidt finden Sie eine Fülle an Informationen zu den Genres Horror und unheimliche Phantastik.
© Unheimliches von Algernon Blackwood: "Der kleine Bengel": Dem Herausgeber Michael Schmidt danken wir herzlich für diese Leseprobe und das Coverbild, 01/2026.
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Taschenbücher von Eleonore Radtberger sowie von Ilona E. Schwartz
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