Die drei Grazien aus dem Niemandsland

Clones sind hochgeschätzt bei Sammlern

Barbie-Kopie Ava

Barbie-Kopie Ava

Sie kennen das: Ein Papiertaschentuch ist ein "Tempo" – ganz egal, wer der Hersteller ist. Und so ist es auch mit den kleinen Models. Eine Puppe, die sichtbar erwachsen ist, im Maßstab 1:6 daherkommt und jede Menge Geldbeutel belastender Kleider haben kann, ist eine "Barbie".

Am Anfang gab es da ja noch Petra. Und da diese Puppen in der Spielzeugwelt einschlugen wie eine mittlere Wasserstoffbombe, zogen viele Hersteller nach. Es gab Nachbauten von allen möglichen Firmen. Die Puppen waren ein überaus müder Abklatsch der berühmten Top Two – also Barbie und Petra. Wobei letztere ja selber schon eine Kopie war.

Meist wurden sie in einer Folienverpackung verkauft und hatten entweder den obligatorischen einteiligen Badeanzug oder ein kurzes Kleidchen an. Kostenpunkt etwa 1,95 DM zu diesen Zeiten. Und ganz fürchterliche Haare hatten sie auch.

Heute werden diese Hohlplastik-Beautys als "Clones" hochgeschätzt bei Sammlern. Wahrscheinlich der Kuriosität halber.

Aber die Clones änderten sich. Es gab immer wieder einmal sehr gute Modelpuppen anderer Firmen. Den Trick mit den Gelenken hatten die Hersteller schnell heraus – und die Gesichter der Clones veränderten sich auch zu ihrem Vorteil.

Lebensechte Gesichter mit viel Ausdruck

"Sindy" von Hasbro war zum Beispiel eine sehr schöne Puppe mit sehr gutem Equipment – sie sah gut aus und hatte alles, was Barbie auch hatte. Pferde und Hunde, Häuser und Autos. Das galt auch für Petra, die irgendwann Steffi hieß und gar nicht übel daherkam. Günstiger waren diese Alternativ-Barbies auf jeden Fall.

Heute ist das anders, denn Barbie mag "die Erste" gewesen sein – aber die Beste ist sie nicht mehr. Die "Bild-Lilli" zählt nicht, denn sie war nie als Spielzeug für Kinder konzipiert. Literatur

Es gibt mittlerweile Puppen, die weitaus teurer sind als Barbies, so zum Beispiel die Modelle von Fashion Royalty. Was sie auszeichnet, sind die lebensechteren Gesichter mit viel Ausdruck. Es gab einmal für eine kurze Zeit eine Basic Edition, deren Models erschwinglich waren. Ich werde sie demnächst vorstellen.

Barbie-Kopien Ava, Venus und Amber

Barbie-Kopien Ava, Venus und Amber

Man kann also vielen interessanten Vertreterinnen der Modelbranche begegnen, wenn man rein zufällig an den Verkaufsgondeln vorbeikommt, wo sie lässig in ihren Kartons herumstehen.

Und so fand ich – rein zufällig natürlich – drei sehr hübsche Puppen, die ich Ava, Venus und Amber nannte.

Wer weiß was über diese Puppen: Das Rätsel wurde gelöst!

Jahrelang hatte ich absolut keine Ahnung, wer der Hersteller ist. Aber nun erhielt ich einen Tipp einer Leserin: Ava, Venus und Amber sind also Puppen aus der "Americas Next Top Models"-Serie (ANTM), die von MGA Entertainment vertrieben wurden.

Diese Modepuppen gab es nur ganz kurz und werden leider nicht mehr hergestellt. Gefunden habe ich so eine Ausgabe nie wieder, nicht einmal bei eBay. 2020 gab es von MGA Entertainment nur noch wenige Puppenkleider im Handel.

Schuh der Barbie-Kopie

Schuh der Barbie-Kopie

Schlanke Körper mit diesem speziellen Gelenk am oberen Brustkorb, damit man den Oberkörper nach vier Richtungen neigen kann, angewinkelte Arme, und bei einem Model einmal gestreckt und einmal gebeugt. Sehr gutes Haarmaterial ohne Neigung zum Filz und sehr schöne Gesichter.

Was mich aber sofort hingerissen hat, sind die recht großen Füße der Mädchen. Die Größe ist weitaus natürlicher, als das bei gewöhnlichen Puppen der Fall ist. Außerdem ist die große Zehe etwas abgespreizt, damit sie Schuhe mit Zehenriemchen tragen können. Absolut unwiderstehlich. Ich kann nur hoffen, dass kein Schuh verloren geht, denn Ersatz ist nicht zu beschaffen.

Die Beine knicken sehr gut und halten die Position. Ach ja, sie haben auch recht große Hände, die Hübschen.

Gängige Moden sind ihnen allerdings zu groß – ich muss da auf die Kleider der Model-Muse-Puppen von Mattel® zurückgreifen. Das passt dann. Leider sind diese "One size fits all"-Zeiten bei den Puppenmoden längst vorbei.

Nicht immer Barbie, aber trotzdem schön

Es war klar, dass die drei Grazien aus dem Niemandsland irgendwie zusammengehörten. Also ergriffen sie den Beruf der Sängerin. Da sie Ava (brünett), Venus (blond) und Amber (kupfer) heißen, nennen die Drei sich AVA und verdienen ihre Plastikbrötchen als Background-Group. Mädchen brauchen schließlich einen Beruf.

Barbie-Kopie Venus

Barbie-Kopie Venus

Zu ihrem Glück treiben sich Frank Sinatra und Elvis Presley in den Vitrinen herum – die brauchen Unterstützung bei ihren Auftritten.

Ich hatte Sie gewarnt: Ich spiele tatsächlich mit meinen Puppen.

© "Die drei Grazien aus dem Niemandsland": Textbeitrag und Abbildungen: Ilona E. Schwartz (Pressenet), 2018.
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