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Die Menschheit hat sich als eine Spezies entwickelt, die als Jäger und Sammler überall umherzog und deren Wirkungsgebiet keine Grenzen kennt. Weshalb nur ziehen wir seit 200 Jahren immer festere Grenzen um imaginierte Gruppen?
Statue von Francisco Pizarro (© Gerd Schmidinger)
Der Mensch ist ein migrantisches Wesen, neugierig darauf, was hinter dem nächsten Hügel liegt, wissbegierig und anpassungsfähig. Über Jahrmillionen folgten unsere Vorfahren den Tierherden, suchten nach Landstrichen, in denen man besser jagen, sammeln, leben konnte. So besiedelte der Mensch nach und nach ganz Afrika – und schließlich den gesamten Planeten.
Die Sesshaftwerdung, die um 10.000 vor Christus im Nahen Osten ihren Anfang nahm, bedeutete für die Migration einen zeitweiligen Rückschlag – bis die Globalisierung, die sich mit der europäischen Expansion nach Übersee ab 1450 massiv verstärkte, ihren Siegeszug begann. Die Industrialisierung schließlich führte zu einer Verkehrsrevolution, die die Fähigkeit des Menschen, sich in nie gekannter Geschwindigkeit über den Planeten zu bewegen, ins schier Unendliche steigerte. Und der Mensch macht davon Gebrauch: wir Europäer in ganz besonderem Ausmaß: nicht nur zwangen Europäer Millionen Afrikaner zur Migration nach Amerika, um dort ohne Bezahlung in den Plantagen Mehrwert zu schaffen; Millionen Europäer suchten verstärkt ab dem 19. Jahrhundert wirtschaftlichen Erfolg in Übersee, und noch heute erfüllen sich viele Europäer ihren Traum im Ausland – worin auch immer dieser bestehen mag: in einem gut bezahlten Job, in einer exotischen Umgebung, günstigem und (jedenfalls für den solventen Europäer) zwanglosem Geschlechtsverkehr oder einfach einer südlichen, wärmenden Sonne.
Die Sesshaftwerdung und mit ihr die Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht hat nicht nur zu einer explosiven Vermehrung des Reichtums geführt, sondern auch zur bis heute nicht beantworteten Frage, wie dieser verteilt werden soll. Zum ersten Mal wurde Land von Individuen, später von Stadtoberen und Königen als Besitz in Anspruch genommen. Schon in der Altsteinzeit mag es Kämpfe um besonders ergiebige Jagdgründe gegeben haben. Doch ging es den Nomaden nie um den Besitz von Land an sich, sondern um die Nähe zu den Herden, die dort – oder woanders – grasten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit werden nun andere Menschen von besiedeltem und bebautem Land dauerhaft ausgeschlossen – und diese Zonen des Besitzes dehnen sich immer weiter aus – bis heute.
Doch müssen wir uns diese Zonen lange Zeit als Inseln vorstellen, zwischen denen viel unbesiedelter Raum herrschte. Noch im 13. Jahrhundert wohnte dem Nomadismus eine solche Kraft inne, dass ein nomadisch lebendes Volk – die Mongolen – das größte jemals geschaffene Reich erobern konnten, das von der Pazifikküste Chinas bis nach Osteuropa reichte.
Und dennoch: Dschingis Khan wäre trotz seiner grausamen Kriegsführung vermutlich nie auf die Idee gekommen, einzelnen Migranten die Einreise in sein Reich zu verwehren. Er hätte auch nicht die Mittel dazu gehabt. Migration wurde bis ins 19. Jahrhundert nur dann als Problem verstanden, wenn sich eine bewaffnete Gruppe – eine Armee – aufmachte, um fremdes Land mit Gewalt zu erobern. Individuelle Migration spielte sich meist unter dem Radar von Staatlichkeit ab, Immigration wurde jedoch gerade von Ländern mit geringer Bevölkerungsdichte gefördert, um neues Land urbar zu machen und somit den Wert und Reichtum des Landes zu fördern. Dabei spielte es keine Rolle, woher die Menschen kamen, wie sie aussahen und welche Sprache sie sprachen.
Seit dem Höhenflug des Christentums in Europa ab ca. 300 n. Chr. spielte allerdings die Religion eine Rolle – immer wieder kommt es im europäischen Mittelalter zu Vertreibungen von ganzen jüdischen Gemeinden. Allerdings konnten sich Juden durch Taufe von der Verfolgung schützen: so barbarisch die durch christlichen Antisemitismus begangenen Verbrechen waren – sie hatten nichts mit einer ablehnenden Haltung gegenüber Menschen auf Grund ihrer Herkunft zu tun. Diese Barbarei blieb den beiden letzten Jahrhunderten vorbehalten. So blieb Migration und eine migrationsbedingte Durchmischung der Bevölkerung der Normalfall der Geschichte – bis die Moderne das alte Europa – und schließlich die Welt – durcheinanderwirbelte wie keine Epoche vor ihr. Um 1800 entstanden Industrialisierung, eine Klassengesellschaft, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.
Und es entstand noch etwas: Nationalismus. Zunächst als solidarisches Gefühl der Bevölkerung, gerichtet gegen die alten Eliten, gegen den Adel, der Europa immer noch in seinen Fängen hielt und sich an seine Vorrechte krallte. Es war ein befreiender Nationalismus, von Völkerfreundschaft gekennzeichnet und dem Gedanken der europäischen Solidarität. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Europäischen Revolution von 1848, in der Revolutionäre Seite an Seite für die Freiheit der Völker starben. Doch schon hier zeigten sich die Probleme des Nationalismus – nicht zuletzt scheiterte die Revolution auch daran, dass die Solidarität der Demokraten zerbrach, wenn es um die zukünftige Größe der neuen Nationalstaaten ging.
Nach und nach fasste der Nationalstaat Fuß – 1860 in Italien, 1871 in Deutschland, und nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Gebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich schon eine andere Version des Nationalismus durchgesetzt: ein Nationalismus, der das eigene Volk nach Abstammung, Sprache und Kultur definierte, der es nach außen ebenso abschloss wie nach innen. Diese Entwicklung führte in Kombination mit Rassenlehre und Antisemitismus nicht nur zum größten Massenmord der Geschichte, sondern auch zu Zwangsmigration ungekannten Ausmaßes. Es gehört aber auch zu den bitteren Erkenntnissen der Geschichte, dass schon 1933–1941 viele Demokratien denen die Einreise verweigerten, die Schutz vor Verfolgung und Tod suchten.
Eine Erklärung für den Radikalnationalismus, der ab 1900 in Europa dominant wurde, ist die Angst vor den Umwälzungen der Moderne. Die Welt ist entzaubert, säkularisiert, Religion nicht mehr das eine Sinnstiftende, und jedes Jahr wird etwas Neues erfunden, bedroht die Alte Welt, die alte Produktionsweise, das vermeintlich Sichere. Da hilft es, Zuflucht in einer großen Erzählung zu finden – und diese wird überall im europäischen 19. Jahrhundert erzählt. Sie handelt von der ewigen Nation, die nun geboren ist, die aber angeblich weit zurückreicht in der Geschichte, die Heimat gibt und Orientierung: Deutsche Kaiser von Otto bis Wilhelm, Deutsche Tugend, Deutsche Werte, und alle können Teil dieses Großen sein - außer, sie haben die falschen Vorfahren.
(Ich spreche hier vom "völkischen Nationalismus", der seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders den Nationalismus Mittel- und Osteuropas prägt, nicht von einem Verfassungsnationalismus, wie er lange in Großbritannien, Frankreich und den USA dominant war. Doch auch in diesen alten Nationalstaaten zeigen sich anfangs des 20. Jahrhunderts zunehmend Tendenzen, "Volk" als vermeintlich genetische Abstammungsgemeinschaft zu definieren und dieses krankhaft zu überhöhen.)
Der übersteigerte Nationalismus hat als narzisstisches Narrativ sicherlich etwas Erhebendes: er macht noch das ärmste Würstchen zu einer wichtigen, großartigen Person. Es kann hässlich sein, dumm und ohne Charme – solange es nur Deutscher ist oder Franzose, Italiener oder was auch immer, das Würstchen hat Bedeutung, ist anderen gar überlegen. Doch diese Denkweise hat eine Schattenseite: sie braucht den negativen Gegenpol, ohne den die Überlegenheit der eigenen Nation nicht erzählt werden könnte: im imaginierten, völlig von der Realität losgelösten "Ausländer", "Juden" oder "Muslim" werden die Ängste manifest, die die Moderne erzeugt: Angst vor staatlichem Zugriff auf das Privatleben, Angst vor der wirtschaftlichen Konkurrenz in einem nicht mehr verstandenen Wirtschaftssystem, Angst, keine Partnerin mehr zu bekommen, Angst vor dem Verlust der eigenen spirituellen Wurzeln, Angst, nicht mehr zu sein als ein Rädchen an einer Maschine. Diese Ängste zuzugeben (und damit als eigenes Problem zu bekämpfen) fiel und fällt besonders Männern schwer – auch heute noch ist Rechtsradikalismus ein vermehrt männliches Problem.
Der völkische Nationalismus, genährt von Verschwörungserzählungen über "fremde Elemente" hatte und hat enorme Auswirkungen auf die Migration im 20. und 21. Jahrhundert. Wurde Migration im 19. Jahrhundert noch weitgehend als natürliches Phänomen wahrgenommen, erwartete der Staatsbürger im 20. Jahrhundert zunehmend, dass sich der Staat der Sache annahm. Nicht immer als Bremser – wenn wir Deutschland als Beispiel nehmen, gab es in Form der Zwangsarbeiter während der Herrschaft des Nationalsozialismus sowie in jener der Gastarbeiter, die ab den 60er- Jahren im südlichen Europa sowie der Türkei angeworben wurden, eine große Nachfrage nach Arbeitsmigranten. Man wollte jedoch in beiden Fällen nicht den ganzen Menschen – nur die Arbeitskraft (im zweiten Fall immerhin bezahlt) war willkommen. Erst allmählich entwickelte sich im ausgehenden 20. Jahrhundert die Einstellung, dass Migranten auch eine Bereicherung für eine Gesellschaft darstellten. Europa schien um die Jahrtausendwende auf einem guten Weg zu sein, die Schatten der nationalistischen Vergangenheit hinter sich zu lassen und der Migration wieder den Status einzuräumen, den sie über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte innehatte: den eines konstitutiven Element des Menschseins.
Wieder scheinen die dunklen Reflexe auf die Moderne die Oberhand zu gewinnen. In vielen Ländern Europas gewinnen Parteien an Zulauf, die illegale Migration oder gar Migration insgesamt zum Feindbild erklären. In den Reihen der AFD wird mit dem beschönigenden Wort "Remigration" über Pläne gesprochen, sogar Deutsche mit Migrationshintergrund ins Ausland zu deportieren – völkischer, radikaler und menschenfeindlicher ist Nationalismus kaum vorstellbar. Diese Pläne ziehen zu Recht die Empörung der Mehrheitsbevölkerung auf sich, und es ist von fundamentaler Bedeutung, dass in ganz Europa engagierte Demokratinnen und Demokraten beeindruckend Gesicht für Demokratie und Menschlichkeit zeigen. Aber wo bleibt die Empörung, wenn es um den stillen Tod tausender Menschen geht, die sich auf den Weg nach Europa machen, auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung, aber auch auf der Suche nach einem besseren Leben, weil sie das tun, was Menschsein ausmacht?
Wie konnten sich unsere Herzen so verhärten? Die Antwort darauf werden vermutlich zukünftige Historikerinnen und Historiker geben, die die Entwicklungen aus größerem Abstand beurteilen werden können. Aber auch hier lässt sich vermuten, dass die Angst vor den Schattenseiten der Moderne eine Rolle spielt: Klimawandel, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, demographische Probleme und wieder Krieg in Europa – überall scheinen Krisen und Gefahren zu lauern, und schnell stehen jene bereit, die diese Angst propagieren, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Destruktive rechtsextreme Parteien brauchen diese Angst, um zu existieren – und bezeichnenderweise bauen sie gerade – unterstützt von Teilen der Konservativen – gerade diejenigen als politisches Feindbild auf, die sich im Besonderen um langfristige Lösungen der Krisenphänomene bemühen. Denn der Rechtsradikalismus, der von einer völlig unnatürlichen – und auch uninteressanten – Welt autoritär regierter, abgeschotteter, ethnisch homogener Nationalstaaten träumt, braucht die Krise, um losschlagen zu können.
Historiker werden die gegenwärtigen Ereignisse in gebührendem Abstand analysieren. Aber wir, die wir heute leben, wir können sie beeinflussen. Wir entscheiden jeden Tag, welche Worte wir gebrauchen, welche Texte wir schreiben, wann wir lachen und wann wir nicht mehr lachen. Und wir entscheiden, ob wir auf die Straße gehen und wo wir unser Kreuz machen. Denn das ist ein weiteres Merkmal des Menschseins: Verantwortung. Es gibt keinen deutschen Wesenskern, kein ewiges Frankreich, keine imaginäre Größe, die es wert wäre, dafür das Herz zu verschließen.
Wir Menschen sind kleine, ins Dasein geworfene Wesen, die zufällig eine kurze Zeit auf diesem wunderbaren Planeten teilen. Machen wir das Beste daraus. Für alle.
Über den Autor
Gerd Schmidinger wurde 1977 in Feldkirch (Österreich) geboren. Er durchlief die Schullaufbahn bis zur Matura und studierte in Innsbruck, Paris und Freiburg die Fächer Französisch und Geschichte. Zurzeit lebt er in Baden-Württemberg und arbeitet als Lehrer. Schmidinger veröffentlichte verschiedene Kurzgeschichten, unter anderem im c't Magazin. Informationen zu seinem neuesten Roman "Horizont der Götter" finden Sie hier in unserem Literaturportal.
© "Europa und Moderne: Woher kommt die Angst vor der Migration?" Ein Essay von Gerd Schmidinger, 07/2026. Foto: Gerd Schmidinger, 2021. Abgebildet ist die Statue von Francisco Pizarro in seinem Geburtsort Trujillo, Spanien: Während die Wegbereiter der gewalttätigen europäischen Expansion mit Denkmälern geehrt werden, werden flüchtende Menschen aus anderen Erdteilen oft als Bedrohung wahrgenommen.
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