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"Was wäre geschehen, wenn das französische Parlament den EVG-Vertrag doch abgelehnt hätte?", fragte Solange.
"Was ist der EVG-Vertrag?", krähte Mehdi dazwischen.
"Manno, das haben wir die letzten drei Stunden besprochen. Passt du gar nicht auf?", fauchte Solange.
"Solange, das reicht. Und Mehdi, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit wäre in der Tat angebracht." Frau Siebeneich seufzte. "Der EVG-Vertrag ist der Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, der 1952 zwischen Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Italien und der Bundesrepublik unterzeichnet wurde und die Grundlage für den Europäischen Bundesstaat bildete, wie wir ihn heute kennen."
Mehdi nickte verlegen und murmelte: "Ja klar, das wusste ich doch."
"Und jetzt zu Solanges Frage: Wenn das französische Parlament den Vertrag abgelehnt hätte – und lange Zeit sah es ja so aus, als könnte das passieren – dann wäre das Projekt gescheitert. Und so viel kann man sagen: die europäische Integration hätte einen herben Rückschlag erlitten. Denn wir wissen, dass die gemeinsame Armee zwingend ein Zusammenwachsen in vielen Bereichen erforderte: außenpolitisch, wirtschaftlich, monetär, fiskal. In all diesen Bereichen wurde eine Abstimmung erforderlich, und die sollte natürlich demokratisch legitimiert sein: in einem gemeinsamen europäischen Parlament, dem 1959 eine europäische Regierung folgte."
Solange war noch nicht zufrieden. "Ja schon, aber seit der Gründung des Europäischen Bundesstaates ist viel Zeit vergangen. Wir befinden uns heute im Jahr 2026. Heute gehört fast der ganze Kontinent zur Europäischen Union – und noch Gebiete darüber hinaus. Was wäre seit den 50er Jahren mit Europa geschehen, wenn die EVG damals gescheitert wäre? Was wäre heute anders?"
Frau Siebeneich lächelte. "Eine interessante Frage. Aber leider ist sie sehr schwierig zu beantworten. Geschichte ist ein so komplexer Prozess, weil er auf Abermilliarden Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen von Milliarden Menschen beruht, deren jede einzelne wiederum andere Wege eröffnet oder verschließt. Wissenschaftlich fundiert kann ich also gar nichts dazu sagen."
"Aber...?", hakte Solange nach, die sehr wohl vom Faible Frau Siebeneichs für spekulative Fragen wusste.
"Aber ich kann euch sagen, welche Möglichkeiten sich vielleicht ergeben hätten. Zunächst die Frage der Europäischen Einigung. Sie wäre auf jeden Fall extrem verlangsamt worden – es ist für uns zwar schwer vorstellbar, aber vielleicht gäbe es bis heute nur einen losen Verband europäischer Staaten ohne klaren staatlichen Rahmen, ohne gemeinsame Armee und Außenpolitik. Das hätte natürlich enorme Auswirkungen auf die Weltpolitik. Zunächst vermute ich, dass eine Europäische Union, so es sie überhaupt gäbe oder sie diesen Namen verdiente, deutlich kleiner wäre als die heutige. Der gemeinsame Markt, der sichere rechtsstaatliche Rahmen, das starke Wirtschaftswachstum und die guten Lebensbedingungen waren seit den 60er Jahren so attraktiv, dass schnell weitere Länder beitraten – und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten es auch die osteuropäischen Staaten eilig, beizutreten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Algerien und die Türkei nicht Teil dieser anderen, loseren Europäischen Union wären."
"Wieso denn das?", empörte sich Mehdi.
"In Algerien gab es in den 50er Jahren eine starke Bewegung, die die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich forderte. Es ist gut möglich, dass diese sich durchgesetzt hätte, wenn Algerien nicht die Möglichkeit eröffnet worden wäre, Teil des vereinten Europas zu werden – mit all den ökonomischen Vorteilen, die damit verbunden waren."
"Und wieso wäre dann die Türkei nicht Teil Europas?", fragte Ben.
"Wie gesagt, ich bin hier komplett spekulativ unterwegs", sagte Frau Siebeneich. "Algerien bereicherte Europa sowohl landschaftlich, wirtschaftlich als auch kulturell. Islam und Christentum, die beide damals noch für viele Leute deutlich identitätsstiftender waren als heute – fanden zusammen und ergänzten sich in einem gemeinsamen prosperierenden Staat. Nicht zu vergessen die jüdischen Gemeinden, die die Shoa überlebt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass in einem kleineren Europa, in dem die nationalen Interessen häufig der europäischen Solidarität vorangestellt würden, auch die Gemeinsamkeiten mit muslimisch geprägten Ländern kaum gesehen würden. Deshalb halte ich es für möglich, dass es aufgrund von kulturellen Ressentiments seitens Teilen der europäischen Bevölkerung nicht zu einem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union gekommen wäre.
Mehdi war jetzt ganz Ohr. "Unvorstellbar!", murmelte er.
"Unvorstellbar in der Tat", sagte Frau Siebeneich. "Aber nur deshalb, weil die Geschichte so stattgefunden hat, wie sie stattgefunden hat. Verändere eine kleine Stellschraube, und die Auswirkungen können enorm sein."
"Sie wollten noch von Auswirkungen auf die Weltpolitik sprechen", erinnerte Solange mit erhobenem Zeigefinger.
"Dazu komme ich jetzt, Solange", sagte Frau Siebeneich mit gespielter Strenge. "Europa ist aufgrund seiner wirtschaftlichen, kulturellen und institutionellen Stärke sowohl Sehnsuchtsort als auch Leitmodell der demokratischen Welt geworden. Sogar in Russland sehen wir nach anfänglichen Schwierigkeiten Fortschritte. Die Leute dort sehen, wie gut es ihren ukrainischen Verwandten in der Europäischen Union geht. Es würde mich nicht wundern, wenn in ein paar Jahren auch die Russische Föderation einen Beitrittsantrag stellen würde. Jetzt stellen wir uns im Gegenzug eine Welt vor, in der dieses starke Europa fehlt. Die europäischen Staaten wären, auf sich allein gestellt, ein Spielball der Großmächte. Den ganzen Kalten Krieg hindurch hätten die USA auf der einen Seite und die Sowjetunion auf der anderen die Weltpolitik bestimmt, und auch danach wäre es nicht besser geworden. Despoten und Diktatoren hätten leichtes Spiel, einzelne europäische Staaten zu beeinflussen."
Solange wirkte unzufrieden. "Ich kann mir das nicht vorstellen, all das wegen einer einzigen Entscheidung. Ich glaube, die Europäer hätten halt ein wenig später beschlossen, einen gemeinsamen Staat zu gründen. Das ist doch die einzig sinnvolle Lehre aus zwei Weltkriegen. Die Leute sind ja nicht dumm."
"Vielleicht hast du recht", erwiderte Frau Siebeneich, "vielleicht aber auch nicht. Sicher werden wir es nie wissen."
"Mir ist auf jedenfalls dieses Europa lieber", sagte Mehdi. Erheitertes Lachen in der Klasse.
"Ich glaube uns allen", sagte Frau Siebeneich und blickte auf die Uhr. "Da hab ich ja glatt überzogen. Pause, Kinder, bis zum nächsten Mal."
Es handelt sich hier um eine sogenannte kontrafaktische Kurzgeschichte. Dieses Genre, auch Alternativweltgeschichte genannt, gehört zur Phantastischen Literatur. Es unterscheidet sich etwa vom historischen Roman oder der historischen Kurzgeschichte dadurch, dass ein Ereignis der Geschichte rückwirkend verändert dargestellt wird. Ausgehend von diesem gegen die Fakten, also falsch dargestellten Ereignis wird eine alternative Welt gezeichnet, die sich aufgrund der veränderten Fakten in eine andere Richtung entwickelt.
Im vorliegenden Fall finden wir uns in einer Welt wieder, in der die EVG im französischen Parlament angenommen wurde. In Wirklichkeit wurde der EVG-Vertrag von der französischen Nationalversammlung abgelehnt und trat deshalb nie in Kraft.
Über den Autor
Gerd Schmidinger studierte Französisch und Geschichte und arbeitet als Lehrer. Schmidinger veröffentlicht Kurzgeschichten und Essays, unter anderem "Europa und Moderne: Woher kommt die Angst vor der Migration?".
Informationen zu seinem Science-Fantasy-Roman "Horizont der Götter" finden Sie hier in unserem Literaturportal.
"Das Orakel vom Berge" (The Man in the High Castle) von Philip K. Dick ist das wohl berühmteste Werk des Genres. Die Achsenmächte haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt. Die Ostküste wird von den Nazis beherrscht, die Westküste vom japanischen Kaiserreich.
"Vaterland" (Fatherland) von Robert Harris ist ein packender Kriminalroman, der im Jahr 1964 spielt. Das Deutsche Reich hat den Krieg in Europa gewonnen und herrscht über einen totalitären "Großgermanischen Bund", während ein kalter Krieg mit den USA herrscht.
"Verschwörung gegen Amerika" (The Plot Against America) von Philip Roth: Der Luftfahrtpionier und Nazi-Sympathisant Charles Lindbergh gewinnt 1940 die US-Präsidentschaftswahl gegen Franklin D. Roosevelt. Die USA driften daraufhin in den Faschismus und Antisemitismus ab.
© "Frau Siebeneich und Europa: Der EVG-Vertrag": Eine kontrafaktische Kurzgeschichte von Gerd Schmidinger, 09/2026. Die Abbildung zeigt eine Karte von Europa, CC0 (Public Domain Lizenz).
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Taschenbücher von Eleonore Radtberger sowie von Ilona E. Schwartz
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